2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Sabrina Zajak erschien unter dem Titel “Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, S. 98-105. Sabrina Zajak ist Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- Bewegungsforschung. Sie ist Leiterin der Abteilung Konflikt und Konsens am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DEZIM-Institut) und Junior-Professorin für „Globalisierungskonflikte, Arbeit und sozialen Bewegungen“ am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum. Kontakt: zajak@dezim-institut.de.


Selten war Forschung so politisch wie heute. Was kann und soll Forschung leisten in Zeiten des Postfaktischen, zunehmender Radikalisierung und Entsolidarisierung? Und vor allem: wie kann dieser Beitrag aussehen?

Auf diese Frage gibt es in der Bewegungsforschung sehr unterschiedliche Antworten.

Auf der einen Seite plädieren Verfechter*innen einer engagierten und politischen Bewegungsforschung für eine stärkere partizipative und aktionsorientierte Forschung, die aktiv an sozialen Bewegungen teilnimmt und sich auf eine gemeinsame Theorieentwicklung zwischen Akademiker*innen und Aktivisten*innen einlässt (Hamm 2013). Sie kritisieren, dass sich Forscher*innen zu sehr von ihrem ‚Untersuchungsgegenstand‘ distanziert haben und kein bewegungsrelevantes Wissen produzieren (Choudry/Kapoor 2010). Sie fordern verschiedene Formen der Wissensgenerierung ernst zu nehmen, insbesondere auch ‚Bewegungswissen‘ selbst, um gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht einfach mit akademischem Wissen zu überschreiben (Cox 2015; Cox/Flesher Fominaya 2009). Es geht darum auch als Wissenschaftler*in Gesellschaft mitzugestalten und ihre normativen Grundlagen immer wieder zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite stehen Vertreter*innen, die auf wissenschaftliche Unabhängigkeit und Distanz beharren. Der gesellschaftliche Beitrag wissenschaftlicher Forschung liegt demnach allein auf der objektiven und evidenzbasierten Generierung von Wissen. Forscher*innen obliegen demnach dem Gebot der politischen Neutralität.

Diese Debatte ist weder neu noch auf die Bewegungsforschung beschränkt. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich seit jeher mit der Frage nach ihrem Wissenschaftsverständnis – in Anlehnung an und Abgrenzung zu den Naturwissenschaften. Diese Debatte um die Normativität und um den gesellschaftlichen Beitrag der Sozialwissenschaften wurde in Deutschland seit dem Positivismusstreit (kritischer Rationalismus versus kritische Theorie) in den 1960er Jahren immer wieder geführt (Adorno et al. 1978).

In der Bewegungsforschung sind die Gräben inzwischen besonders tief. Nicht nur weil ihr Untersuchungsgegenstand politisch ist und ihre medialen Aussagen auch die öffentlich-politische Wahrnehmung von sozialen Bewegungen prägen; sondern auch weil sich Protest- und Bewegungsforscher*innen häufig selbst als Teil einer Bewegung begreifen (Teune/Ullrich 2018). Das stellt die Legitimität der Bewegungsforschung auf den Prüfstand. Die einen sind der Ansicht, dass nur analytische Distanz und die Einhaltung wissenschaftlicher Neutralität und Objektivität es den Wissenschaftler*innen ermöglicht, zu zentralen bewegungsrelevanten Fragen öffentlich Stellung zu nehmen, ohne die eigene Legitimationsgrundlage als unabhängige/r Forscher*in aufs Spiel gesetzt zu haben. Auf die epistemische Autorität der Forschenden wird beharrt.

Die anderen kritisieren diese Forschung als vermachtet. Forscher*innen zögen aus ihren Untersuchungen nur den individuellen Nutzen der Karriereentwicklung. Sie plädieren für das Ausbrechen aus hierarchischen und standardisierten Formen der Wissensproduktionen, indem die privilegierte Position von Wissenschaftler*innen aufgelöst wird (Luchies 2015) (Diese Doppelrolle wird im Folgenden auch als Forschende/Aktive bezeichnet). Dies, so das Argument, ist zudem nötig, um überhaupt valides Wissen über soziale Bewegungen generieren zu können. Bewegungen sind schließlich fluide Gebilde und immer auch Orte der Wissensproduktion mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Gestaltung (Cox 2014; Della Porta/Pavan 2017). Deshalb, so das Kredo partizipativer und handlungsorientierter Forschung, kann man Bewegungen nicht sinnvoll von außen beforschen. Vielmehr sollte das Generieren gemeinsamen Wissens über gesellschaftliche Handlungszusammenhänge im Vordergrund stehen (Fuster 2009; Starodub 2015).

Allerdings ergibt sich daraus ein tautologisches Problem. Wenn ich Bewegungen partizipativ erforsche, in die ich bereits hineinsozialisiert wurde, deren Identitäten, Weltanschauung und Handlungspraktiken ich bereits teile und internalisiert habe – wie kann ich dann gemeinsame Wissenskonstruktion als solche erkennen und erforschen? Wie kann ich soziale Bewegungen kritisieren und über meine eigene Doppelrolle als Forschende und Aktive reflektieren? Dieses Dilemma wird in zahlreichen Abschlussarbeiten motivierter Studierender sichtbar, die das Handlungsgeschehen oder die gesellschaftliche Kritik einer Bewegung minutiös dokumentieren ohne aber ihre Beobachtungen analytisch-theoriebildend zu durchdenken.

Diese Frage stellt sich insbesondere, wenn gesellschaftsverändernde, präfigurative Handlungsweisen sozialer Bewegungen betrachtet werden (politischer Konsum, zero-waste, zero-plastic, degrowth, solidarisches Handeln). Präfiguratives Handeln zielt darauf ab, gesellschaftlichen Wandel mit Hilfe sozialer Praktiken zu erreichen, die normative Zukunftsentwürfe im alltäglichen Handeln verankern („live the change you want to see“; De Moor 2017; Butzlaff/Deflorian 2018.[i]). Haben sich aber soziale Praktiken in Alltagsroutinen verfestigt, ist es schwierig, Lernprozesse selbstreflexiv und rückwirkend zu erschießen. Und damit sind die zwei zentralen Fragen nach der Entstehung alternativer Handlungspraktiken und nach deren Diffusion partizipativ kaum erforschbar.

Den Brückenschlag wagen

Ich möchte hier das transformative Selbstexperiment als eine Möglichkeit vorstellen, dieses Dilemma zu lösen und damit gleichzeitig eine Brücke schlagen zwischen den oben angeführten sich gegenüberstehenden Wissenschaftslagern. Den Kern des Selbstexperiments bildet das kontinuierliche Reflektieren von Forschenden über ihre eigenen Handlungen, über die Selbsttransformation durch den Forschungsprozess und über die gesellschaftliche Rolle als politischem Subjekt. Im Verlauf des Selbstexperiments beobachten sich Forschende selbst bei der Wahl verschiedener Wissenskonstruktionspraktiken und in Interaktion mit anderen. Sie transformieren dieses Wissen in eigenes Handeln, womit es erfahrbar gemacht wird. Diese Erfahrungen erweitern letztlich den Wissenshorizont der Forschenden und ermöglichen verstehendes Erklären auf einer sehr grundlegenden Ebene. Gleichzeitig basiert diese Form der Wissensproduktion nicht auf Ausbeutungsverhältnissen und Machtasymmetrien, sondern auf gleichberechtigtem Dialog mit anderen.

Das transformative Selbstexperiment weist viele Gemeinsamkeiten mit partizipativer, aktionsorientierter Forschung (PAF) auf. Ähnlich wie in der PAF verschmelzen Forschungssubjekt und -objekt in einer Person und die/der Forschende wird selbst zur aktiv-handelnden Person; es wird neues Wissen auf nicht-hierarchische Weise und in Interaktion mit anderen generiert. Kontinuierlicher Wandel eigener Verhaltensweisen und Reflexion bilden den Kern der Wissensproduktion (Kemmis et al. 2013). Gleichzeitig ist ein solches Selbstexperiment transformativ, da es eine Form der Selbstermächtigung („empowerment“) und das Erfahren eigener, individueller und kollektiver politischer Gestaltungsmacht impliziert. Präfigurative Veränderungen bedeuten immer auch, in Aktivismus und soziale Bewegungen hineinzuwachsen und sein Umfeld dabei mitzugestalten. Dabei erlangt der/die Forschende/Aktive über ihre/seine Erfahrungen ein tiefes Verständnis des Verhältnisses individuellen und kollektiven Handelns und über die Möglichkeiten gesellschaftlicher Mitgestaltung – man rekonstituiert sich als neues akademisches und politisches Subjekt.

Gleichzeitig bietet der Ansatz ein experimentelles Setting und weist damit Elemente eines Feld- bzw. Umweltexperiments auf (Hamenstädt 2015). Experimente erfreuen sich innerhalb der Sozialwissenschaft zunehmender Beliebtheit, da mit ihnen Prozesse der Entscheidungsfindung analysiert werden (Gerber 2011). Interessanterweise kommen Experimente in der Bewegungsforschung nicht vor, obwohl Mikropraktiken der Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung sind; sowohl für die Entwicklung neuer sozialer Praktiken als auch für deren Verbreitung. Insbesondere praxis-orientierte soziale Bewegungen werden gerade von dem Wunsch angetrieben, breiten sozialen und politischen Wandel über Verhaltensänderungen zu erreichen (Yates 2015).

In einem Selbstexperiment wird dieselbe Person in verschiedenen Kontexten und Rahmenbedingungen untersucht – was bei experimentellen Designs auch als „within-subject-design“ bezeichnet wird.[ii] Im Unterschied zum experimentellen Setting wird diese Person jedoch nicht von einem/einer Forscher*in von außen beobachtet, sondern Forscher*in und Untersuchungsobjekt sind ein und dieselbe Person. Die Person soll eine Handlungspraxis wählen, die eine gewisse Distanz zum eigenen Alltag und Lebensstil aufweist. Der/die Forschende/Aktive sollte zu Beginn des Experimentes nicht Teil der dieser Praktik zugeordneten Bewegung sein.

Das Individuum und dessen Wandel von Alltagspraktiken als gelebter, selbst-transformativer Prozess ist Gegenstand der Untersuchung. Diese lebensweltliche Erfahrung sozialen Wandels (z.B. zu mehr Nachhaltigkeit, politischem Konsum, zero waste, degrowth oder solidarischem Verhalten) wird mit der Technik der Selbstbefragung dokumentiert. Lerneffekte, die Entscheidungen über eingeschlagene Wege der Wissensproduktion und Dilemmata, die sich im Umgang mit anderen aus der Verhaltensänderung ergeben, können erfahren, dokumentiert und analysiert werden.[iii] Diese Dokumentation ermöglicht wiederum intersubjektive Nachvollziehbarkeit.

Damit – so die These dieses Beitrags – leistet das transformative Selbstexperiment nicht nur einen Brückenschlag zwischen den sich gegenüberstehenden Forschungstraditionen. Es leistet ebenso einen Beitrag zur Transformation der Bewegungsforschung selbst, indem es neue Möglichkeiten der Verbindung von Forschung und Aktivismus eröffnet.

Im Folgenden werde ich ein paar methodische Bausteine beschreiben, die sich in dem Durchführen von Selbstexperimenten als geeignet herauskristallisiert haben, auch wenn der/die Forschende/Aktive in erster Linie selbst die Parameter seines/ihres Designs definiert und konstruiert. Dabei beziehe ich mich auf Selbstexperimente, die ich im Rahmen von Universitätsseminaren angeleitet und gemeinsam mit verschiedenen Gruppen Studierender als Lehrforschungsmodule an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt habe. Die gewählten Handlungspraktiken fielen dabei auf zero waste, zero plastic, zero social media und do-it-yourself. In Anlehnung an das Wechselspiel von Aktion und Reaktion in partizipatorisch-aktiver Forschung (Participatory Action Research, Reason/Bradbury 2001; Kemmis et al. 2013) bezeichne ich das Vorgehen als Reflexions-Aktions-Zyklus, bei dem sich Reflexionsphasen und Aktionsphasen abwechseln, gegenseitig bedingen und beeinflussen.

Der Reflexions-Aktions-Zyklus

Themenauswahl und Festlegung des experimentellen Settings

Der erste Schritt im Selbstexperiment ist die Festlegung des Themenbereichs, der eigenen Zielsetzung, des Zeithorizonts und der Intensität des angestrebten Wandels. Wie weit möchte ich von meinem bisherigen Verhalten abweichen? Möchte ich etwas für den Umweltschutz, die Menschenrechte, Geflüchtete, Diskriminierte, LGTB, oder allgemein etwas für globale Gerechtigkeit tun? Warum entscheide ich mich für einen bestimmten Bereich? Was weiß ich bisher und was sind meine Erwartungshaltungen?

Zunächst geht es um die Bestimmung der Ausgangsparameter und der eigenen Position zu dem Handlungsbereich. Wer zum Beispiel bereits strenger Vegetarier ist, kann leichter eine Verhaltensänderung in Richtung Veganismus vornehmen als ein*e regelmäßige*r Fleischesser*in. Dies ermöglich einen Vorher-Nachher-Vergleich sowie die Rekonstruktion des Prozessverlaufs. Dabei gilt: Je vertrauter mir eine Bewegung oder aktivistische Handlung ist, desto weniger muss ich mich ändern. Desto geringer sind aber gleichzeitig die persönlichen und akademischen Lerneffekte.[iv]

Reflexion und Wissensproduktion

Die erste Phase der Reflexion beginnt mit der Generierung von Wissen darüber, wie man sein Verhalten überhaupt ändern kann. Was genau muss getan werden und welche Schritte beinhaltet dies? Der/die Forschende/Aktive muss sich in der Regel verschiedene Wissensquellen erschließen, um für sich diese Fragen beantworten zu können. Dabei können die Strategien der Wissensgenerierung je nach Persönlichkeit, Umwelt und Handlungsbereich sehr unterschiedlich ausfallen. Die Aufzeichnung und Dokumentation dieser Strategien erlaubt wiederum eine Analyse der Prozesse individueller und kollektiver Wissensproduktion.

In unseren Fällen wurde schnell klar, dass die Lektüre wissenschaftlicher Texte zum Wandel sozialer Praktiken nur sehr bedingt hilfreich ist: Sie ist zu abstrakt, um daraus Bewertungsmaßstäbe und konkret Richtlinien für eigene Verhaltensänderungen zu generieren. Anregungen findet man vielmehr durch den Austausch mit anderen. Es geht also um eine kollaborative Wissensgenerierung über Social Media oder Blogeinträge in Gesprächen mit Personen, die den angestrebten Lebensstil leben oder in Diskussionen mit Freunden und Bekannten, die die gewählten Handlungspraktiken vielleicht nicht teilen, aber dennoch mit hilfreichen Tipps bei Seite stehen. Obwohl also im Selbstexperiment „doing it alone“ im Vordergrund steht, wird die soziale und kollektive Konstruktion von alternativen Handlungsweisen schnell deutlich (vgl. auch Garrison 2016).[v] Diese Lernprozesse werden in einem Reflexionstagebuch festgehalten. Was habe ich heute/diese Woche erlernt? Was funktioniert? Wo liegen die Grenzen meiner Gestaltungskraft und woraus ergeben sich diese? Inwiefern ändern sich meine Sichtweisen auf mein Thema und warum?

Aktionsphase

Aktion und Reflexion stehen in kontinuierlicher Wechselwirkung. Die Aktionselemente in dem Experimentzyklus beziehen sich auf die tatsächlichen Veränderungen im Alltag. Insbesondere der Beginn der Handlungsumstellungen stellt die Forschenden/Aktiven vor kontinuierliche Herausforderungen. Dazu zählen mangelnde Finanzen, mangelnde Zeit oder mangelndes Wissen. Die größten Herausforderungen ergeben sich allerdings in Interaktionssituationen: Das Gegenüber kann ablehnend oder irritiert auf die Handlungsänderung reagieren. Im eigenen Umfeld (mit Familie, Freunden, Bekannten, Kolleg*innen und Fremden) kommt es immer wieder zu Diskussionen und Auseinandersetzungen um die im Zentrum des Selbstexperiments stehenden Handlungspraktiken. Man wird immer wieder dazu gezwungen, sich zu entscheiden, ob man die eigenen Handlungspraktiken rechtfertigt oder jegliche Diskussion zu vermeiden versucht. Es stellt also eine Entscheidungssituation für alle Beteiligten dar, in der es möglicherweise zu einer Diffusion der Handlungspraktiken kommt. Dadurch werden Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung von sozialen Handlungspraktiken („leading by example to create change“; Jaster 2018) erfahrbar.

Hier wird wiederum auch ein Unterschied zu anderen partizipatorischen Ansätzen in der Bewegungsforschung deutlich. Solange sich der/die Forschende/Aktive innerhalb der zugehörigen Bewegung aufhält, und mit Gleichgesinnten umgibt, sind die Gelegenheiten in solche Dilemma-Situationen zu geraten, eher gering. In der Regel sind diese Gruppen eher homogen und haben einen gemeinsamen Lebensstil über Jahre hinweg entwickelt. Im Selbstexperiment kommt der/die Forschende/Aktive von außen und muss deshalb von anderen Aktiven lernen, dieses Wissen in Handlungspraktiken zu transformieren und gleichzeitig vermehrt seine Handlungen vor zweifelnden Dritten zu rechtfertigen. Darin steckt gerade das emanzipatorische, aber auch das analytische Potential dieses Ansatzes.

Gemeinsam Wissen produzieren

Ein wichtiger Bestandteil des Selbstexperimentes sind kollektive Reflexionsgespräche mit anderen Selbstexperimentierenden oder anderen Aktiven. Gegenstand der Gespräche ist der Austausch über die eigenen Zielsetzungen und möglicherweise notwendige Modifikationen. Wie verlief der Transformationsprozess bisher, wo kann ich mein Handeln doch nicht ändern? Gibt es neue Bereiche, in die ich mich vorwagen möchte? Welche Dilemmata konnte ich nicht lösen und von welchen Ansätzen kann ich lernen? Anstelle des Vergleichs verschiedener Treatment-Gruppen steht also der gegenseitige Austausch und die gemeinsame Reflexion. Dies stellt eine weitere Ebene der (Ko-)Produktion von Wissen dar. Entscheidungen, Ziele, Strategien und Handlungspraktiken weiter zu modifizieren, werden wiederum im Reflexionstagebuch dokumentiert. Reflexion bedeutet in diesem Zusammenhang nach den Gründen für diese Adaption und Modifikation zu suchen.

Auch am Ende des Experiments sollte ein gemeinsames Gespräch stehen. Dabei geht es um den persönlichen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn: Was lerne ich über die Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung dieser spezifischen Handlungspraktiken? Gerade im Vergleich der verschiedenen Erfahrungen lassen sich Rückschlüsse auf die Mikro-Mechanismen sozialen Wandels ziehen. In der Gruppe zero waste führte die Diskussion auch zu einer generellen Kritik an praxis-orientierten Bewegungen, da sich immer wieder gezeigt hat, wie schwierig die Umstellung auf keinen beziehungsweise sehr wenig Müll oder Plastik ist. Es wurde auch deutlich, dass die erprobten Verhaltensänderungen im eigenen Umfeld immer wieder auf Ablehnung trafen. Die Grenzen der Verbreitung neuer Handlungsweisen traten hervor. Gleichzeitig führten die eigenen Erfahrungen wiederholten Scheiterns in der Umsetzung zu Forderungen nach stärkerer politischer Steuerung seitens des Staates, zum Beispiel über die höhere Besteuerung von Plastik – Ideen, die zu Beginn des Experiments explizit abgelehnt wurden.

Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung

Seit der Aufklärung gibt es die Hoffnung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Ideen und Erfindungen gesellschaftlichen Fortschritt, Gerechtigkeit und Wohlstand bringen. Sozialen Bewegungen bergen ein großes kreatives Potential Vorstellungen von einer besseren und gerechteren Welt zu kreieren und sich direkt an die Umsetzung zu wagen. Doch welche Chancen und Möglichkeiten bieten diese Ideen bei der Verwirklichung in politischen und akademischen Prozessen? Bisher scheint es nur wenig Überschneidungen und Gemeinsamkeiten zwischen akademisch-distanzierten, methodologisch versierter Wissensproduktion und den lebensweltlichen Erfahrungen von sozialen Bewegungen zu geben. Zwar begreift sich die Bewegungsforschung in großen Teilen als eine politische Wissenschaft, die in vielen Fällen auch bemüht darum ist, die Trennung zwischen Wissenschaft und Bewegungen zu überbrücken, indem sie zwischen den Bereichen übersetzet und vermittelt. Dabei gehen jedoch auch immer wieder relevante Aspekte verloren oder sie werden auf Grund von mangelnder Distanz nicht sichtbar. Das Selbstexperiment schlägt insofern eine Brücke, als dass es einem (selbstdefinierten) Setup folgt, wodurch die Verschmelzung von Fremd- und Selbstbeobachtung zumindest graduell systematisch und transparent-nachvollziehbar erfolgt. Gleichzeitig transformiert das Selbstexperiment die Forschenden viel weitreichender als in anderen partizipativen Ansätzen, indem es zur politischen Subjektbildung des Forschenden einen unmittelbaren Beitrag leistet. Man könnte auch sagen: Bewegungsforschung wird noch politischer.[vi]

Dabei leistet das Selbstexperiment einen dreifachen Beitrag:

Erstens bietet das Selbstexperiment viele Möglichkeiten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns im Sinne einer Theorieentwicklung. Es ermöglicht Zugänge zur Erforschung von kulturellem und sozialem Wandel, die in der distanzierten Forschung von „außen“ nicht zur Verfügung stehen, da Forschende selten anwesend sind, wenn es zum Austausch über Handlungspraktiken mit Bekannten oder am Arbeitsplatz kommt.

Zweitens liefert das Selbstexperiments relevante Erkenntnisse für soziale Bewegungen und andere Interessierte. Es begegnet der von Aktivisten*innen vielfach geäußerten Kritik, dass die Bewegungsforschung kein brauchbares Wissen für Bewegungen liefert. Der/die Forschende/Aktive teilt seine/ihre Erfahrungen kontinuierlich mit Aktivist*innen und anderen und trägt damit zu allgemeinen Reflexionsprozessen bei. Dies geschieht nicht über die öffentliche Bereitstellung von Forschungsergebnissen, sondern durch den gegenseitigen Austausch über gelebte Erfahrungen. Dabei können die Erkenntnisse für die Bewegungen durchaus unbequem sein, indem Fragen nach der Realisierbarkeit von Zielen, der Wahl der Strategien, strukturellen Exklusionsmechanismen und dem Verhältnis von individuellem statt kollektivem Handeln immer wieder neu gestellt werden.

Drittens verändert es das Verständnis des politischen Auftrags der Bewegungsforschung. Der Ansatz ist transformativ in doppelter Hinsicht: Durch das radikale Aufgeben der Unterscheidung von Untersuchungssubjekten und –objekten, also von Forschenden und Beforschten, werden ausgetretene hierarchische Pfade der Wissensproduktion verlassen – und zwar in einer Weise, die es selbst in aktionsorientierter Forschung so nicht gibt, da es meistens doch die anderen sind, deren Handeln beobachtet und reflektiert wird. Gleichzeitig transformiert es die Forschenden selbst in ein politisches, gesellschaftsgestaltendes Subjekt, durch Elemente der Selbstermächtigung und Selbsterkenntnis. Das entwickelt das Verständnis der Bewegungsforschung als politische Wissenschaft über das zu Beginn beschriebene Verständnis hinaus, indem es neue Möglichkeiten der gesellschaftspolitischen Gestaltung erschließt.

Das transformative Selbstexperiment ist somit auch ein Experiment für die Bewegungsforschung, bei dem viele Fragen noch offen sind, wie zum Beispiel die nach den normativen Grundlagen oder Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit nicht-progressiven Bewegungen. Eine Verbreitung des Ansatzes könnte zur Weiterentwicklung und Klärung beitragen.

Literatur

Adorno, Theodor Wiesengrund/Dahrendorf, Ralf/Pilot, Harald/Albert, Hans/Habermas, Jürgen/Popper, Karl Raimund 1978: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand.

Butzlaff, Felix/Deflorian, Michael 2018: Prefigurative politics and party politics drifting apart: From modelling and institutionalizing to performing and experiencing an alternative social order; Papier präsentiert auf dem Weltsoziologiekongress(ISA) Toronto Juli 2018.

Burawoy, Michael 2005: For public sociology. In: American Sociological Review, Jg. 70, Heft 1, 4-28.

Choudry, Aziz/Kapoor, Dip 2010: Learning from the ground up: Global perspectives on social movements and knowledge production. In: Choudry, Aziz/Kapoor, Dip (Hg.): Learning from the Ground Up. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-13.

Cox, Laurence 2014: Movements making knowledge: a new wave of inspiration for sociology? In: Sociology, Jg. 48, Heft 5, 954-971.

Cox, Laurence 2015: Scholarship and activism: A social movements perspective. In: Studies in Social Justice, Jg. 9, Heft 1, 34-53.

Cox, Laurence/Flesher Fominaya, Cristina 2009: Movement knowledge: what do we know, how do we create knowledge and what do we do with it? In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 1-20.

Della Porta, Donatella/Pavan, Elena 2017: Repertoires of knowledge practices: social movements in times of crisis. In: Qualitative Research in Organizations and Management: An International Journal, Jg. 12, Heft 4, 297-314.

De Moor, Joost 2017: Lifestyle politics and the concept of political participation. In: Acta politica. International journal of political science, Jg. 52, Heft 2, 179-197.

Garfinkel, Harold 1973: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: Steinert, Heinz (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart: Klett, 280-293.

Jaster, Daniel 2018: Figurative Politics: How activists lead by example to create change. In: Mobilization: An International Quarterly, Jg. 23, Heft 1, 65-81.

Fuster Morell, Mayo 2009: Action research: mapping the nexus of research and political action. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 21-45

Garrison, Donn Randy 2016: Thinking collaboratively. Learning in a community of inquiry. New York: Routledge.

Gerber, Alan 2011: Field Experiments in Political Science. In: Druckman, James/Green, Donald/Kuklinski, James/Lupia, Arthur (Hg.): Cambridge Handbook of Experimental Political Science. Cambridge: Cambridge University Press, 115-138.

Hamm, Marion 2013: Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung und reflexiver Ethnographie. In: Binder, Beate/von Bose, Friedrich/Ebell, Katrin/Hess, Sabine/Keinz, Annika (Hg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot, 55-72.

Hamenstädt, Ulrich 2015: Experimentelle Politikwissenschaft. Über die Untersuchung von Entscheidungen in der experimentellen Forschung. In: Glatzmeier, Armin/Hilgert, Hendrik (Hg.): Entscheidungen. Geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge zu Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, 43-54.

Kemmis, Stephen/McTaggart, Robin/Nixon, Rhonda 2013: The action research planner: Doing critical participatory action research. Luxemburg: Springer Science & Business Media.

Luchies, Timothy 2015: Towards an insurrectionary power/knowledge: Movement-relevance, anti-oppression, prefiguration. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft: 5, 523-538.

Reason, Peter/Bradbury, Hilary 2001: Handbook of action research: Participative inquiry and practice Thousand Oaks: Sage.

Reckwitz, Andreas 2003: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive.. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4: 282-301

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg) 2008: Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: ein Handbuch. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Starodub, Alissa 2015: Post-representational epistemology in practice: processes of relational knowledge creation in autonomous social movements. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 7, Heft 2, 161-191.

Schneidewind, Uwe/Singer-Brodowski, Mandy 2014: Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018. Protestforschung mit politischem Auftrag? Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1–2: 418–25.

Yates, Luke 2015: Rethinking prefiguration: Alternatives, micropolitics and goals in social movements. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft 1: 1-21.

 

[i] Soziale Praktiken werden hier in kulturwissenschaftlicher Tradition als Ausdruck kollektiver Wissensordnungen (kulturelle Codes und Sinnzuschreibungen) verstanden (siehe z.B. Reckwitz 2003). Verhaltensänderungen sind also immer auch Versuche der Änderung kultureller Wissensordnungen. Im präfigurativen Handeln wird somit politischer Wandel zu kulturellem Wandel. Diese Elemente sind allen sozialen Bewegungen inhärent (Roth/Rucht 2008), in praxisorientierten Bewegungen allerdings besonders stark ausgeprägt.

[ii] Im Unterschied zu klassischen Experimenten gibt es keinen Vergleich zwischen Gruppen mit unterschiedlichen „treatments“. Allerdings ist das Durchführen eines Selbstexperiments in Gruppenzusammenhängen für den gemeinsamen Austausch empfehlenswert.

[iii] Insbesondere die Dilemma-Situationen weisen Ähnlichkeiten mit Garfinkels Krisenexperimenten auf (Garfinkel 1973), ohne dass allerdings Freund*innen/Bekannte gezielt mit einem Bruch sozialer Konventionen konfrontiert werden. Diese können nichtsdestotrotz das geänderte Verhalten als Provokation empfinden. Es zwingt sie dazu, sich befürwortend, ablehnend oder neutral zu positionieren.

[iv] Der Zeithorizont sollte ebenfalls klar festgehalten werden. In den verschiedenen Selbstexperimenten hat sich gezeigt, dass vier Wochen die Mindestdauer für ein Selbstexperiment sein sollte (besser 6-8 Wochen oder länger), da man diesen Zeithorizont mindestens benötigt, um neue Handlungspraktiken in den Alltag zu integrieren. Erst dann kann von einer Selbsttransformation im Sinne einer Änderung routinierter Handlungspraktiken gesprochen werden.

[v] Und liefert allein dadurch schon einen reichen Fundus für die Debatte zur Postpolitik und zu sozialen Bewegungen (de Moor 2017)

[vi] Zur Debatte um transformative Wissenschaft siehe z.B. Schneidewind und Singer-Brodowski 2014.

 

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