Themenheft “Technik und Protest” erschienen

 

von Heike Walk
Das Verhältnis von Technik und sozialen Bewegungen scheint in den vergangenen Jahren wieder neu in Bewegung geraten zu sein. Während in den 1970er Jahren die Politisierung des Technikthemas dazu führte, dass sich zwei unversöhnliche Lager gegenüber standen – die Technikkritiker und die Technikaffinen -, scheint sich in jüngerer Zeit eher eine Annäherung abzuzeichnen, die um eine partizipative, nachhaltige Technikentwicklung kreist.

cover_fjsb_2014-4Auch die aktuellen Forschungsprogramme haben sich partizipativen Ansätzen geöffnet. Die Europäische Kommission bspw. hat in ihrem Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 die Integration von partizipativen Elementen in der Forschung festgeschrieben. Technologien sollen proaktiv gestaltet und nicht erst im Nachhinein – beim Auftreten unerwünschter Nebenwirkungen – reguliert werden. In diesem Zusammenhang spielt die frühzeitige Einbeziehung von Stakeholdern und zukünftigen Nutzern eine zentrale Rolle.

Auf den ersten Blick scheint es also einen breiten Konsens zu geben: Alle sind für mehr Partizipation, allein die Motive differieren. Die Entwickler und Technologieunternehmen haben vor allem die Verbesserung ihrer Produkte und die Antizipation von Akzeptanzproblemen vor Augen. Den technologiekritischen Gruppen, die sich in den Diskurs einbeziehen lassen, geht es um Mitgestaltung und Einflussnahme.

Dieser breite Konsens wirft allerdings neue Fragen auf: Werden auch die Schattenseiten einer partizipativen Technikentwicklung reflektiert? Was passiert mit den notwendigen kritischen Impulsen für alternative und nachhaltige Technikpfade, wenn den Protestgruppen durch die Integration frühzeitig der Wind aus den Segeln genommen wird?

Im deutschsprachigen Raum werden diese kritischen Fragen und die Funktionen von Protest nach wie vor zu selten in die sozialwissenschaftliche Forschung integriert. Hier gibt es große Forschungslücken hinsichtlich der unterschiedlichen und flüchtigen Formen selbstorganisierter Politik, ihrer Bedingungen und Dynamiken, die nicht leicht zu verstehen sind und nur schwer in Technikentwicklungsprogramme integriert werden können.

Diese Entwicklungen sind ein wesentlicher Hintergrund für das Themenheft „Technik und Protest“ im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Ziel des Heftes ist es, aktuelle Konstellationen von Technik und Protest auszuleuchten und unterschiedliche Formen der Integration von unterschiedlichen Akteuren und partizipativen Elementen in der Forschung zu diskutieren. Dabei geht es auch darum, die Schattenseiten einer partizipativen Technickentwicklung zu beleuchten und die Bedeutung unabhängiger Forschung und Kritik zu verstehen.

Technik und Protest – Von Stuttgart 21 über Atomkraftendlager bis Fracking und Nanotechnologie, Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 27/2014, Heft 4, Lucius&Lucius, 186 Seiten

 

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  • Das Repertoire an anderen Protest- und Widerstandsmöglichkeiten ist bei Weitem noch nicht ausgereizt. Damit meine ich nicht nur fröhlich-freundliche Straßenproteste, sondern auch zivilen Ungehorsam. Sowohl in Qualität als auch in Quantität ist das Spektrum da noch nicht ausgeschöpft.

    die tageszeitung, 20.9.2021: „Gandhi war auch im Hungerstreik“

    ipb-Forscher Prof. Dr. Dieter Rucht, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
     
 

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