Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

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Der folgende Text von Julika Mücke erschien unter dem Titel “Revolte, Aufstand, Riot(ing)? Zur Konzeptionalisierung eines unscharfen Phänomens” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 34, Heft 3.2021. Julika Mücke ist Leiterin der Geschäftsstelle des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb). Kontakt: julika.muecke@posteo.de


Im Mai 2021 jährten sich der Tod von George Floyd und die sich anschließenden weltweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt zum ersten Mal. Wie schon nach dem Tod von Michael Brown in Ferguson 2014 oder dem Tod von Freddy Gray in Baltimore 2015 waren auch diese Proteste von einem Phänomen begleitet worden, das häufig als ,riot´ gelabelt wird. Riots waren in diesem Jahr aber auch in einem ganz anderen thematischen Kontext vermehrt zu beobachten, nämlich als Reaktion auf politische Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, wie etwa in den Niederlanden.[1] Doch wie kommt es, dass diese beiden Ereignisse unter dem gleichen Begriff gefasst werden?

Welche Phänomene als riot gelabelt werden und wie sich die Forschung damit auseinandersetzt, ist bisher sehr unterschiedlich. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass in den vergangenen zehn Jahren das Forschungsinteresse an riots merklich gestiegen ist, was sich auch in der verstärkten Auseinandersetzung der Protest- und Bewegungsforschung mit riots als Untersuchungsfeld widerspiegelt.[2] Dieser Forschungstrend seit den 2000er Jahren wird begleitet, beziehungsweise auch bedingt durch das verstärkte Auftreten von als riots gelabelten Phänomenen, wie beispielsweise in Frankreich 2005/2010, Mosambik 2010, Griechenland 2008/2011, England 2011, Türkei 2013, Schweden 2013, USA 2014/2015/2020, Hong Kong 2014 oder Hamburg/Deutschland 2017, um nur einige zu nennen (Bareis et al. 2010; Frenzel et al. 2016; Lee/Chan 2018; Uhlmann 2019).[3]

Die terminologische Bezeichnung von Ereignissen, die als riots behandelt werden, ist dabei sehr divers. Umgangssprachlich ist in vielen Ländern der englische Begriff riot (Aufstand) weit verbreitet und hat sich „in den letzten Jahren auch zunehmend unter das sozialwissenschaftliche Vokabular gemischt“ (Frenzel et al. 2016: 7). Eine kanonisierte Definition dessen, welche Phänomene warum mit dem Begriff riot benannt werden, ist aber im wissenschaftlichen Feld noch nicht zu finden (ebd.). Als Handlungen und Dynamiken, die im Kontext von riots häufig vorkommen, können u.a. Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum, Auseinandersetzungen mit der Polizei, Beschädigungen an und Ausräumen von Ladengeschäften, Straßenblockaden oder das In-Brandsetzen von Autos und anderen Gegenständen im öffentlichen Raum genannt werden. Riots ereignen sich dabei häufig im Zusammenhang mit anderen Protestereignissen, wie Demonstrationen oder Kundgebungen. Die Debatten über die Bezeichnungspraxis von riots münden aber immer wieder in der grundsätzlichen Frage, was ein riot denn nun sei und so werden etwa so unterschiedliche Phänomene wie Hungeraufstände, rassistische Pogrome oder Ausschreitungen nach Sportveranstaltungen als solche bezeichnet (Greif/Jobard 2016: 133f.).

Viele Begriffe – wenig Klarheit

Daneben fehlt häufig die Trennschärfe zu anderen, ähnlichen Begriffen und es bestehen sprachspezifische Variationen: Während in Frankreich die Begriffe émeute (Unruhe/Tumult/Aufruhr]), révolte urbaine (städtische Revolte) und violence urbaines (städtische Gewalt) gängig sind, wird in den USA der Begriff riot oft mit weiteren Zusätzen wie race riot, police riot oder urban riot versehen (Greif/Jobard 2016: 133). Insbesondere im US-amerikanischen Kontext dient der Begriff race riots (sowie auch race violence) als Sammelbegriff für völlig unterschiedliche Ereignisse von Lynchmorden durch Weiße an Schwarzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis hin zu riots, die als Reaktion auf meist tödliche Polizeigewalt an Schwarzen entstehen. Die Gleichsetzung rassistischer Gewalt mit einer widerständigen Artikulation gegen rassistische Machtverhältnisse abstrahiert dabei verschiedene soziologische Konflikte zu ein und demselben Phänomen und ist deshalb kritisch zu betrachten (Bentley-Edwards et al. 2018). Neben riot sind im Englischen zudem die Termini unrest (Unruhen), revolt (Revolte) und rebellion (Rebellion) geläufig. Haunss attestiert unrest dabei die größte begriffliche Dehnbarkeit, da der Begriff zunächst nicht mehr als eine Störung einer sonst stabilen Ordnung beschreibt. Revolt, rebellion und uprising hingegen werden häufig mit gesellschaftlicher Transformation beziehungsweise dem Anliegen einen solchen Veränderungsprozess in Gang zu setzen, in Verbindung gebracht (Haunss 2016: 31f.). Im englischen Sprachgebrauch sind außerdem civil disorder (zivile Unruhe/Unordnung) und insurrection (Aufstand/Aufruhr) vorzufinden.

Im deutschsprachigen Raum ist am ehesten eine Sprachlosigkeit über die Bezeichnung von Ereignissen, die anderswo unter dem Label riot subsumiert werden, festzustellen. Es werden zwar Begriffe wie Aufstand oder städtischer Aufstand, Aufruhr, Revolte oder Rebellion genutzt, dies jedoch eher vereinzelt (Bareis et al. 2010). Aus Mangel von umgangssprachlichen Alternativen hat sich (auch) im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren der Begriff riot zumindest im Feld der Protest- und Bewegungsforschung durchgesetzt.[4] Im medialen, aktivistischen aber auch wissenschaftlichen Kontexten tauchte riot zuletzt als Bezeichnung im Zuge der Ereignisse rund um den G20-Gipfel 2017 in Hamburg auf (Rucht 2017; Dellwo et al. 2018; Uhlmann 2019). Auch die Ereignisse am 1. Mai in Berlin und Hamburg, insbesondere in den 2000er Jahren, werden regelmäßig als riots beschrieben, beziehungsweise rioting als spezifisches Protestrepertoire thematisiert (für Hamburg siehe Naegler 2014; für Berlin siehe Rucht 2003). Dem Begriff riot haften jedoch vor allem im wissenschaftlichen Kontext Schwierigkeiten an: Einerseits ist seine Verwendung oft „polarisierend“ (Frenzel et al. 2016: 8), also mit Ablehnung oder Zustimmung und einer damit einhergehenden Tendenz zur Entdifferenzierung des beschriebenen Ereignisses, verbunden. Andererseits wird mit dem Begriff eine solche Bandbreite an unterschiedlichsten Phänomenen beschrieben, dass kaum noch abgrenzbar ist, worum es eigentlich geht.[5]

Forschungsfeld in den Kinderschuhen

Riots sind für viele Studien Anlass und Gegenstand der Untersuchung. Die Herausbildung eines eigenen Forschungsfeldes zu riots steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Bisherige Forschungen sind an unterschiedliche Disziplinen angeschlossen und ebenso verschieden in Erkenntnisinteressen, empirischen Beispielen und Forschungsdesigns (Frenzel et al. 2016: 8). Klare und abgegrenzte Definitionen des Begriffs riot sind dabei kaum zu finden, auch wenn durchaus Einigkeit über die fehlende analytische Bestimmung des Begriffs besteht. Frenzel et al. weisen sogar darauf hin, dass viele Studien ohne jegliche Begriffsklärung auskommen, beziehungsweise „einfach vorausgesetzt [wird], dass es sich bei bestimmten empirischen Fallbeispielen um riots handelt“ (Frenzel et al. 2016: 11, Herv.i.O.). Diese indifferenten Begriffsbestimmungen und Definitionsversuche sowie die unzureichende Theoretisierung, machen es kaum möglich, einen Forschungsstand systematisch abzubilden. Eine erste systematische Aufarbeitung der wissenschaftlichen Forschung zu riots stellt die Arbeit des Redaktionsteams des Heftes suburban mit dem Titel „riots. Zur Verortung eines unscharfen Phänomens“ (2016) durch Frenzel/Greif/Klein/Uhlmann dar.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff riot kann grundsätzlich zwischen Definitionen und Typisierungen von riots, Perspektiven auf riots sowie der Einordnung von riots als Protestform unterschieden werden. Während allgemeine Definitionen eher nach verallgemeinerbaren Kriterien von riots suchen, versuchen Typisierungen verschiedene Arten von riots inhaltsbezogen voneinander abzugrenzen (Marx 1970; Badiou 2012). Desweiteren sind verschieden analytische Perspektiven zu finden, aus denen riots betrachtet werden.

In den vergangenen Jahren hat sich eine dezidiert politische Lesart von riots herausgebildet (Altenried 2012; Dzudzek/Müller 2013; Trott 2014; Frenzel et al. 2016; Simiti 2016; Uhlmann 2019). Diese Perspektive fokussiert gezielt auf die politischen Dimensionen von riots, wobei sie auch als wissenschaftliche Entgegnung auf eine entpolitisierte medial-öffentliche Debatte der riots in Frankreich 2005 und England 2011 zu verstehen ist. Trott arbeitet drei verschiedenen politische Lesarten von riots heraus: 1) eine Fokussierung auf politische Kontexte der riots, wodurch Fragen nach den Ursachen in soziale, ökonomische und kulturelle „Realitäten“ (Trott 2014: 1, Übers.d.V.) eingeordnet werden; 2) die Betrachtung der Frage, inwiefern riots selbst das Objekt politischer Debatten werden (ebd.: 4f.); 3) den Einbezug politischer Subjektivierungsprozesse während der riots (ebd.: 6f.; dazu auch Frenzel et al. 2016: 20). In eine ähnliche Kerbe schlagen Forschungen, die riots in erster Linie als Konfliktartikulation verstehen und eben diesen Konflikt in den Fokus setzen. Beispielsweise verortet Liebig die England-riots 2011 klassentheoretisch, indem er sie als „nicht normierte soziale Konflikte“ (Liebig 2014: 272) versteht und durch die Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes als neue Form des Klassenkampfes interpretiert.[6]

Im Kontext von Forschungen zu Formen des Protestes werden riots als Protestphänomen bzw. rioting als Protesthandlung dagegen bisher kaum dezidiert betrachtet. Dies kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass soziale Bewegungen in der wissenschaftlichen Bearbeitung von Protest, zumindest im deutschsprachigen Raum, den wesentlichen Analyserahmen der Forschung bieten. Dabei wird Protest als „urdemokratische Handlungsweise“ (Rucht/Roth 2008) konzeptualisiert, der sich vor allem im Rahmen sozialer Bewegungen und im Kontext bestimmter sozialer Konflikte entfaltet (Hohenstatt/Rinn 2014: 208). Diese Engführung nimmt nur etablierte Arten der Konfliktartikulationen in den Blick und klammert andere, die nicht in diesen Deutungsrahmen passen, aus.

Denn unter rioting lassen sich, erstens, verschiedene Handlungen und Dynamiken zusammenfassen, die die strafrechtlichen Grenzen in einer Demokratie überschreiten und/oder von der Mehrheit der Gesellschaft, beziehungsweise in der öffentlichen Debatte, als illegitim angesehen werden, wie beispielsweise das Umkippen und Anzünden oder Beschädigen von Gegenständen wie Autos, Verkehrsschildern, Mülltonnen und Schaufenstern oder das Ausräumen von Geschäften, das Werfen mit Molotov-Cocktails, Steinen oder anderen Gegenständen (auch) in Richtung der Polizei, der Bau von Straßenbarrikaden oder andere, weiter oben genannte Handlungen. Es ist zu vermuten, dass diese Praktiken aus der Perspektive wissenschaftlicher Forschungen zu sozialen Bewegungen nicht ohne Weiteres als „demokratisch“ begriffen werden. Da rioting nicht als Protestform sozialer Bewegungen lesbar wird, fällt es aus dem Blick der Forschung.

Darüber hinaus sind Protestformen, zweitens, im Verständnis der Forschung zu sozialen Bewegungen meist in hohem Maße organisierte Artikulationsformen gesellschaftlicher Konflikte. So wird Konfliktartikulationen wie rioting, die eben diese Organisationsansprüche nicht erfüllen, das Protest-Sein „abgesprochen“. Das Ausbleiben von Forderungen und Repräsentation bei gleichzeitiger Dominanz von Gewalt gilt als Beleg für das Fehlen von Organisation und damit auch für das Fehlen von politisch motiviertem Handeln (Hohenstatt 2017: 200; Dikeç 2010: 191f.; Frenzel et al. 2016: 9). Bilden soziale Bewegungen den Ausgangspunkt des Definitionsrahmens dessen, was als Protestform oder -ereignis betrachtet werden kann und wer diesen Protest artikulieren „darf“, hat das auch Auswirkungen auf das Forschungsfeld. Für die Analyse von riots ist dies insofern problematisch, als dass die Bewegungsforschung Gefahr läuft, diese schlichtweg zu übersehen (Dikeç 2010).

Drittens tut sich die Bewegungsforschung mit der Untersuchung von gewaltförmigen Protestformen insgesamt schwer (Teune 2008: 541; Frenzel et al. 2016: 20). Differenziertere Arbeiten, die über die Typologie von riot(ing) als entweder gewalttätig oder gewaltfrei hinausgehen, sind bislang eine Seltenheit.[7] Gewalt als Unterscheidungsmerkmal von Protestformen ist indes als Bewertung aus einer Außenperspektive zu verstehen, welche sich „explizit oder implizit auf rechtliche Aspekte aus dem Straf- beziehungsweise Verwaltungsrecht“ (Leidinger 2015: 86) bezieht. Die Binnenperspektive der Aktivist*innen auf die Form des Protestes beziehungsweise die politische Aktion selbst und dem „Warum, Wozu, Wie, Wo usw.“ (Leidinger 2015: 87, Herv.i.O.) findet in so keine Beachtung. Leidinger attestiert der reduzierenden binären Einteilung von Protesten in gewaltförmig und -frei mit den Worten Leibfrieds/Narrs gar eine „Angst vor dem Unberechenbaren, dem bürgerlich-herrschaftlich nicht Einhegbaren, dem ‚unten‘“ (Leibfried/Narr 1968 zitiert nach Leidinger 2015: 64).

Riots sind für die Protest- und Bewegungsforschung zusammenfassend ein ungemütlicher Forschungsgegenstand: Sie sind schwer greifbar, treten häufig eruptiv oder disruptiv auf und lassen sich nur schwer mit Sozialen Bewegungen als gängigen Analyserahmen für Forschungen zu Protest(formen) zusammenbringen.

Trotz dieser unzureichenden Betrachtung von riots in der Protest- und Bewegungsforschung gab es, insbesondere im US-amerikanischen Raum, immer wieder Versuche, rioting im wissenschaftlichen Kontext als Protestform zu begreifen beziehungsweise entsprechend offene wissenschaftliche Begrifflichkeiten und Analysekonzepte zu begründen (Greif/Jobard 2016: 134). So begannen bereits in den 1970er und 1980er Jahren Bemühungen von Protest- und Bewegungsforscher*innen, Begriffe für Protestformen zu finden, die als gewalttätig bezeichnet werden. Konzepte wie collective defiance und disruptive action (Piven/Cloward 1974) eröffneten den Blick auf Protesthandlungen abseits der reduktionistischen Einteilung in gewalttätig und friedlich und ermöglichen es so, rioting und andere disruptive Protestformen als bewusste und durchaus strategisch-funktionale Entscheidungen zu fassen, die Alltagsroutinen durchbrechen und auf gesellschaftliche Missstände hinweisen (Piven/Cloward 1974; Frenzel et al. 2016: 16).[8] Mit contentious politics schlugen Tilly und Tarrow schließlich einen Ansatz zur Einordnung von Protestphänomenen vor, der die unterschiedlichen Erscheinungsbilder als kollektives Protestverhalten gemeinsam unter einem analytischen Dach fasste ( Tilly/Tarrow 2015: 7ff.). Frenzel et al. geben allerdings zu bedenken, dass „riots als Form von contentious politics zu fassen, (…) ihrem Wesen zwar vermutlich näher [kommt], aber es immer noch nicht abschließend [klärt], wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir das Wort riot benutzen“ (Frenzel et al. 2016: 10, Herv.i.O.).

Zur analytischen Operationalisierung

Zusammenfassend ist Frenzel et al. zuzustimmen, wenn sie resümieren, dass „die Soziale Bewegungsforschung (…) mit ihren analytischen Instrumenten und Begrifflichkeiten nur begrenzte Möglichkeiten [bietet], riots in all ihren Facetten zu betrachten“ (Frenzel et al. 2016: 20, Herv.i.O.). Für eine analytische Operationalisierung scheint es am erkenntnisreichsten, rioting als ein spezifisches Repertoire von Protestformen zu konzeptualisieren und dadurch die begrifflichen Konturen zu schärfen. Konkret setzt sich dieses Repertoire von rioting zu rioting unterschiedlich zusammen und muss fallspezifisch beleuchtet werden. So ist es auch möglich, die Verbindung von rioting und sozialen Bewegungen besser zu bestimmen: Als ein spezifisches Repertoire an Protestformen kann rioting ein Element sozialer Bewegungen oder sogar Ausgangspunkt der Entstehung einer sozialen Bewegung sein (Frenzel et al. 2016: 10). Rioting als Repertoire zu begreifen, erleichtert es zudem, das Zusammenspiel mit anderen Formen des Protestes zu analysieren. Weiterhin hat sich gezeigt, dass der Begriff der contentious politics dabei helfen kann, riots als Protest wissenschaftlich greifbar und im Feld der Protestforschung zum Thema zu machen.

Hierbei geht es nicht darum, eine weitere genauere Kategorisierung von Handlungsformen zu definieren, die gemeinsam als rioting benannt werden. Vielmehr bietet der Begriff eine gewisse Offenheit, den dynamischen Prozessen von Ereignissen Rechnung zu tragen. Entsprechend unterscheidet sich rioting je nach Anlass, Kontext und Protestdynamik. Handlungsformen, die als charakteristisch bezeichnet werden können, sind beispielsweise Auseinandersetzungen zwischen einer Personengruppe und der Polizei, das Zerstören von Ladengeschäften, die Aneignung von Gegenständen aus Geschäften, Zerstörung von Gegenständen im öffentlichen Raum, das in Brand setzen von Gebäuden oder Gegenständen wie Mülltonnen, Autoreifen oder (Polizei-) Autos, das Errichten von Straßenbarrikaden, das Blockieren von Straßen oder das Abhalten unangemeldeter spontaner Kundgebungen. Dies sind nur einige Beispiele der Handlungsformen, die zum Protestrepertoire rioting gezählt werden können und die in der gesamten Protestdynamik betrachtet werden müssen und stark mit anderen Protestformen (Demonstration, Sitzblockaden, angemeldete Kundgebungen etc.) ineinandergreifen.

Mit der Konzeptualisierung von rioting als Repertoire an Protestformen kann der unscharfe und überladene Begriff riot entlastet werden. Eine solche Fokussierung auf riot nicht als ganzes Phänomen, sondern als Set an spezifischen Handlungsformen, ermöglicht es auch, nicht-normierte soziale Konflikte in den Blick zu nehmen, die eben solche Elemente des rioting beinhalten und oftmals auch asymmetrisch stabilisierte Machtbeziehungen dadurch bearbeiten, aber nicht als riot gelabelt werden (Mücke/Rinn 2016 für die Ereignisse in Hamburg-Altona im Sommer 2013). So könnten auch die Ereignisse in der Stuttgarter Innenstadt im Juni 2020 untersucht werden. Auch hier wurden Auseinandersetzungen zwischen überwiegend jungen Erwachsenen und der Polizei sowie Handlungsformen, die als rioting gefasst werden könnten (Zerstörung von Ladengeschäften, Aneignung von Gegenständen, Zerstörung von Polizeiautos etc.) durch eine Polizeikontrolle ausgelöst. Im medialen Diskurs gab es (wenn auch sehr wenige) Stimmen zu hören, die das Handeln der jungen Erwachsenen damit begründeten, dass diese sich benachteiligt fühlten (Susanka/Remler 2020).

Für rioting als ein spezifisches Protestrepertoire gilt dann genau wie für die Analyse anderer Protestformen auch, dass sie nur im gesellschafts-historischen Kontext analysiert werden können. Entsprechend sollten in der Analyse und Bewertung von Protesten und seinen Formen weniger der Gewaltbegriff oder rechtlich definierte Maßstäbe, sondern vielmehr der gesamtgesellschaftliche Kontext fokussiert werden. Dies gilt insbesondere für riots und deren Begreifen als konfliktäres gesellschaftliches Ereignis (Liebig 2014; Hohenstatt/Rinn 2014). Durch einen solchen „offene[n] Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse“ (Frenzel et al. 2016: 15) ist dann auch eine politische Lesart von riot(ing) möglich. Eine Einbettung in politische Strukturen, historische Kontexte und gesellschaftliche Dynamiken ist in Bezug auf rioting und dem riot als dazugehöriges Protestereignis unabdingbar (Haunss 2016: 26). Hieran ließen sich, je nach Erkenntnisinteresse, weitere Charakterisierungen wie etwa eine Unterscheidung in eruptives, geplantes oder ritualisiertes sowie kollektives oder individuelles rioting anschließen.

Plädoyer für eine inhaltliche Bearbeitung von rioting

Mit der Konzeptualisierung von rioting als ein spezifisches Repertoire an Protestformen geht es mir hauptsächlich um die Weiterentwicklung der Forschung zu Formen des Protestes. Ziel ist dabei eine analytische Handhabbarmachung und nicht eine weitere Einhegung von Protest in Kategorien. So kann analytisch auch auf das Verhältnis von rioting zu anderen Formen des Protestes und den verknüpften Inhalten fokussiert werden. Den Zusammenhang von Form und Inhalt bei der Analyse von Protestformen zu beachten, scheint bei riot(ing) besonders bedeutsam, da riot(ing) häufig allein als Form (der Gewalt) betrachtet und der inhaltliche Gehalt, also die konkrete Konfliktkonstellation, übersehen wird. So war in der öffentlichen Debatte über die England riots 2011, die in Folge der Tötung des Schwarzen Mark Duggan durch die Polizei ausgelöst wurden, eine Thematisierung von Rassismus als eine Konfliktursache kaum möglich (Dzudzek/Müller 2013). Eine solche Reduktion auf die Artikulationsform ist besonders problematisch, wenn mit Kategorisierungs- und Definitionsversuchen eine normative Bewertung einhergeht oder riot(ing) grundsätzlich der kommunikative Anteil und somit der politische Gehalt abgesprochen wird (Balistier 1996: 107; Gherairi 2015: 92f.). In Bezug auf Protestformen dient Gewalt als Kategorisierung, immer einer Abgrenzung und somit meist auch Ausschließung, und dabei mehr spezifischen normativ-politischen Interessen, als einer Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene (Leidinger 2015: 64).

Eine inhaltliche Bearbeitung des unscharfen Protestphänomens riot wird durch die Konzeptualisierung als Protestrepertoire dagegen möglich – auch wenn die empirische Erforschung von riots selbst aufgrund der ihnen eigenen hohen Dynamik und Volatilität weiterhin einige (methodologische) Schwierigkeiten bereithält. In diesem Zusammenhang bemerkt Leidinger, dass sich der Wissenschaft, die alles kategorisieren und ordnen möchte, dynamische Prozesse von Protest und seinen Formen grundsätzlich entziehen (Leidinger 2015: 126f.). Riots und rioting sind dafür wohl eins der besten Beispiele. Sie entziehen sich konsequent definitorischen Einhegungsversuchen. Davon zeugen nicht zuletzt die unzähligen Versuche einer eindeutigen Begriffsdefinition. Eine solche kann auch die vorgeschlagene Konzeptionalisierung von rioting als Protestrepertoire nicht liefern. Doch für eine systematischere Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Protestphänomen bildet sie eine Grundlage.

Literatur

Altenried, Moritz 2012: Aufstände, Rassismus und die Krise des Kapitalismus. England im Ausnahmezustand. Edition assemblage.

Badiou, Alain 2012: The Rebirth of History – Times of Riots and Uprisings. Verso.

Balistier, Thomas 1996: Straßenprotest. Formen oppositioneller Politik in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1979 und 1989. Westfälisches Dampfboot.

Bareis, Ellen/Bojadžijev, Manuela 2010: Jenseits von Forderungen und Organisierung – Revolte in den französischen Vorstädten. In: Das Argument 52 (6), 839-848.

Bentley-Edwards, Keisha L./Edwards, Malik Chaka/Spence, Cynthia Neal/Darity Jr, William A./Hamilton, Darrick/Perez, Jasson 2018: How Does It Feel to Be a Problem? The Missing Kerner Commission Report. In: The Russell Sage Foundation Journal of the Social Sciences 4 (6), 20-40.

Cloward, Richard A./Piven, Frances Fox 1974: The Politics of Turmoil: Essays on Poverty, Race and the Urban Crisis. Pantheon Books.

Dellwo, Karl-Heinz/Szepanski, Achim/Weiler, J. Paul (Hg.) 2018: Riot. Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der kollektiven Aktion. Laika-Verlag.

Dikeç, Mustafa 2010: Voices into Noises. Ideological Determination of Unarticulated Justice Movements. In: Space and Polity 8 (2), 191-208.

Dzudzek, Iris/Müller, Michael 2013: Der Lärm des Politischen. Die Londoner riots 2011 und ihre politischen Subjekte. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung (2), 17-40.

Frenzel, Janna/Greif, Philippe/Klein, Fabian/Uhlmann, Sarah 2016: Riots – Zur Verortung eines unscharfen Phänomens. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 7-24.

Gherairi, Jasmina 2015: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation. Springer VS.

Greif, Philippe/Jobard, Fabien 2016: „Riot – warum denn riot? Gibt es keinen deutschen Begriff dafür?“. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 131-142.

Haunss, Sebastian 2016: Unrest or Social Movement? Some Conceptual Clarifications. In: Knud Andresen/Bart van der Steen (Hg.): A European Youth Revolt. European Perspectives on Youth Protest and Social Movements in the 1980s. Palgrave Macmillan, 25-38.

Hohenstatt, Florian/Rinn, Moritz 2014: Diesseits der Bewegungsforschung: Das „Recht auf Stadt“ als umkämpftes Verhältnis. In: Norbert Gestring/Renate Ruhne/Jan Wehrheim (Hg.): Stadt und soziale Bewegungen. Springer VS, 199-213.

Lee, Francis L. F./Chan, Joseph Man 2018: Media and Protest Logics in the Digital Era. The umbrella movement in Hong Kong. Oxford University Press.

Leidinger, Christiane 2015: Zur Theorie politischer Aktionen. Eine Einführung. Edition assemblage.

Liebig, Steffen 2014: Soziale Unruhen als nicht-normierte Konflikte. Das Beispiel der englischen Riots von 2011. In: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 44 (175), 271-288.

Marx, Gary T. 1970: Issueless Riots. In: The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science 391 (1), 21-33.

Mücke, Julika/Rinn, Moritz 2016: Keine riots in Deutschland? Die Ereignisse in Hamburg-Altona im Sommer 2013. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 111-130.

Naegler, Laura 2014: The Ritual of Insurrection and the ‚Thrill-Seeking Youth’. An Instant Ethnography of Inner-City Riots in Germany. In: David Pritchard/Francis J. Pakes (Hg.): Riot, Unrest and Protest on the Global Stage. Palgrave Macmillan.

Raschke, Joachim 1987: Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriss. Campus-Verlag.

Rucht, Dieter (Hg.) 2003: Berlin, 1. Mai 2002. Politische Demonstrationsrituale. Springer VS.

Rucht, Dieter 2017: Gewalt der Empörten: Die Riots von Hamburg. In: Blätter für deutsche und internationale Politik (11), 94-103.

Seferiades, Seraphim/Johnston, Hank (Hg.) 2012: Violent Protest, Contentious Politics, and the Neoliberal State. Ashgate Publishing.

Simiti, Marilena 2016: Urbane riots in der öffentlichen Wahrnehmung. Die riots in England 2011 und die griechischen Dezemberproteste 2008 im Vergleich. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 31-52.

Susanka, Sandra/Remler, Leona 2020: Plünderungen und Gewalt in Stuttgart: Was steckt dahinter? https://www.youtube.com/watch?v=vWaOMyP13C0, 1.7.2020.

Teune, Simon 2008: „Gibt es so etwas überhaupt noch?“. Forschung zu Protest und sozialen Bewegungen. In: Politische Vierteljahresschrift 49 (3), 528-547.

Thompson, Edward P. 1971: The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century. In: Past and Present 1 (50), 76-136.

Tilly, Charles/Tarrow, Sidney G. 2015: Contentious Politics. Oxford University Press.

Trott, Benn 2014: Research and the Riots: Politics and England’s 2011 Urban Uprisings. http://critcom.councilforeuropeanstudies.org/research-and-the-riots-politics-and-englands-2011-urban-uprisings/, 29.8.2018.

Uhlmann, Sarah 2019: Der Riot als Vorbote und Symptom einer Krise. Zu den Ausschreitungen während des G20-Gipfels 2018 in Hamburg. In: Momentum Quarterly – Zeitschrift für sozialen Fortschritt 7 (4), 202.

 

[1] Nach Verschärfungen von politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kam es insbesondere zwischen Januar und März dieses Jahres in verschiedenen niederländischen Städten immer wieder zu Demonstrationen und anschließenden Ereignissen, die als rioting gelabelt werden können, wie Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum, das Aneignen von Gegenständen aus Ladengeschäften oder Auseinandersetzungen mit der Polizei.

[2] Dieses Interesse drückt sich beispielsweise in der internationalen Konferenz „Rioting and Violent Protest in Comparative Perspective“ 2009 an der Panteion Universität Athen, sowie dem daraus hervorgegangenem Sammelband von Seferiades/Johnston (2012), aus.

[3] Diese Aufzählung verdeutlicht die zeitliche Häufung von riots in verschiedenen Ländern weltweit aus unterschiedlichen Anlässen: In Mosambik kam es bspw. im September 2010 aufgrund gestiegener Lebensmittelpreise bei gleichzeitiger hoher Arbeitslosigkeit zu Massenprotesten und riots. In Schweden/Stockholm ereigneten sich die riots 2013 nachdem ein bewaffneter Mann von der Polizei erschossen wurde. Im Hamburg wurde 2017 der dort stattfindende G20-Gipfel u.a. von rioting, begleitet.

[4] Jobard stellt fest, dass im deutschsprachigen Raum die Bereitschaft zur Übernahme des riot-Begriffs aber auch deshalb groß sei, da „immer vermutet wird, dass es in Deutschland keine riot-ähnlichen Situationen gäbe“ (Greif/Jobard 2016: 134, Herv.i.O.).

[5]Zur Begriffsgeschichte siehe Rucht (2017).

[6] Auch wenn konfliktorientierte und politische Lesarten von riots in jüngeren Forschungen starke Verbreitung gefunden haben, ist deren Traditionslinie deutlich älter. Eine wichtige Arbeit in diesem Kontext ist der Aufsatz „The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century“ von E.P. Thompson (1971).

[7] Ausnahmen bilden unter anderem die Arbeiten von Raschke (1987) und Balistier (1987), der Raschkes Analyseansätze aufgreift und erweitert, oder auch von Leidinger (2015). Diese Arbeiten bemühen sich, aussagekräftigere Kategorisierungen von Protestformen zu finden und anstelle der entdifferenzierenden Kategorisierung als gewalttätig spezifischere Benennungen, wie Zerstörung, Scherben-Demo oder Stadtteil-Riot zu verwenden (Balistier 1996: 107; Leidinger 2015: 96ff.).

[8] Piven und Cloward setzten damit der lange geläufigen Annahme der Irrationalität von Massenprotesten die Auffassung entgegen, dass disruptive action gerade für Personen(-gruppen), für die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position der formalisierte Weg der Politik wenig gewinnbringend zu sein scheint, vielversprechender erscheinen, um ihre Lebensumstände zu verändern (Cloward/Piven 1974).

 

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