Rezension: Bosse (2019) – Die Gesellschaft verändern

Rezension: Bosse (2019) – Die Gesellschaft verändern

 

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Die verlinkte Liste der bereits besprochenen Bücher befindet sich am Ende des Beitrags. Es folgt nun Andreas Kewes (Siegen) mit einer Doppelrezension zu Bosse, Jana 2019: Die Gesellschaft verändern. Zur Strategieentwicklung in Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung (Transcript) und Lay-Kumar, Jenny 2019: Aktivismus zwischen Protest und Gestaltungsraum. Jugendumweltgruppen und ihr Verhältnis zum Klimaschutz (Transcript). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Über das Wie und Wohin der Umweltbewegung“ in Heft 4/2020 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.


Am 11. Juni 2020 erschien in der Tageszeitung (taz) ein Streitgespräch zwischen Luisa Neubauer von Fridays for Future (nachfolgend: FfF) und dem Klimaaktivisten Tadzio Müller, den die taz mit Ende Gelände (nachfolgend: EG) in Verbindung bringt.[1] Beide debattierten über Strategien des Klimaprotestes, mögliche Anknüpfungspunkte außerhalb der Bewegung sowie über die Berücksichtigung der jeweiligen sehr verschiedenen sozialen Basis der genannten Gruppen. Sie verhandelten auch, wie erfolgreicher Umweltprotest aussehen könnte, welche Forderungen wohl mehrheitsfähig wären und was Koalitionsbildungen verhindern oder Fronten verhärten könnte. Dabei explizierten sie unterschiedliche Zielvorstellungen und Wege dorthin. Manches blieb aber auch eher implizit, etwa ihre jeweiligen Deutungsmuster zum Verhältnis Kultur-Natur, die historische Dimension des Protestes oder auch das persönliche Handlungsverständnis der beiden Protagonist*innen.

Wie überhaupt Wissen in Organisationen der Umweltbewegung gebildet oder aufgegriffen wird und gegebenenfalls spezifischen Milieus zuzuordnen ist, wie es beim Framing von Problemstellungen und Handlungen angewandt wird und somit Strategiebildungen (nicht) informiert, all das ist Gegenstand zweier Dissertationen, die beide jeweils mit einem Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurden und die nun im transcript-Verlag erschienen sind. Mit ihrer unterschiedlichen Herangehensweise erzeugen sie verschiedene, aber durchaus sich gegenseitig ergänzende Sichtweisen auf den derzeitigen (deutschen) Umweltprotest, auf explizi(er)te Strategiebildungsprozesse und implizites Wissen.

In dieser Rezension werden zunächst die Bände und damit diese Verschiedenheit vorgestellt. Abschließend wird anhand des genannten Interviews auf die praktischen Einsichten Bezug genommen.

Strategisches Handeln

Die Studie von Jana Bosse untersucht die „die alltägliche, nicht-öffentliche Arbeit von Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung“ (26). Sie möchte dabei nicht nur den allgemeinen Verlaufsprozess von Strategiebildungen verstehen, sondern auch, wie es zur konkreten Strategie in der jeweiligen von ihr untersuchten Basisgruppe kommt.

Beim Lesen dieser Arbeit stellt sich der Eindruck einer Fleißarbeit ein. Etwas langatmig wirkt die sehr umfangreiche Theoriearbeit, die zusätzlich den Forschungsstand in den jeweiligen Bereichen zusammenfassen will. Bosse baut ein sehr komplexes Theoriemodell für ihren Untersuchungsgegenstand, zu dem organisationssoziologische Überlegungen zur Mikropolitik, eine an Bourdieu angelehnte Theorie des leadership capital, Elemente der Bewegungsforschung wie den Ressourcen-Mobilisierungs-Ansatz, Politische Gelegenheitsstrukturen und kollektive Identitäten und funktional differenzierte Theories of Change gehören. Bosses Theorierezeption zufolge werden Strategien entsprechend der Interessen und Vorstellungen von denjenigen Akteuren entworfen, die innerhalb der Gruppen die meiste Macht mobilisieren konnten, was nicht rational für die gesamte Gruppe oder gar Bewegung sein muss (39). Diese Strategie wird innerhalb von bestimmten Schranken, zu denen Ressourcen, das Selbstverständnis der Gruppe und Gelegenheiten zählen, entwickelt und fokussiert inhaltlich Vorstellungen darüber, dass sich durch die gewählte Strategie etwas verändert. Das Konzept der Theories of Change dient ihr dabei als Frame oder Ideologie (91ff.).

Auch die Empirie ist recht umfangreich. Bosse arbeitet mit Leitfadeninterviews und Gesprächsbeobachtungen der Strategieentwicklungen bei vier Gruppen, die hinsichtlich ihrer Strategieentwicklung variieren. In der Analyse muss Bosse demnach zwei verschiedene Beobachtungsrichtungen – das Handeln in der Gruppe wie die jeweils subjektiven Sinnkonstruktionen – triangulieren. Die Fallauswahl wird ausführlich beschrieben, der Prozess der Korpuserzeugung entsprechend transparent gemacht.

Die anschließende Analyse führt zunächst in die bisherige Praxis der Strategiebildung ein. Hierbei arbeitet Bosse in Kapitel fünf heraus, dass manche der von ihr untersuchten Gruppen bis dato keine konkrete Idee über Zieldefinition und Strategiebildung besitzen. Die anschließenden Empirie-Kapitel sechs bis acht bestehen eher aus einer Aneinanderreihung der kategorisierten Funde zu Möglichkeitsräumen, Theories of Change und Mikropolitiken, was in Verbindung mit der recht umfangreichen Theorie und dem großen Datenschatz den Lesenden ermüdet. Manches wird als Transkriptausschnitt dokumentiert oder nur paraphrasiert, so, als sei diese Position selbstverständlich oder die Äußerungen aus dem Feld alle gleichermaßen relevant. Zumeist verfasst Bosse aber eine Strategieprosa ohne sonderlich viel Einsicht in ihr Material, die sich zwar gut lesen lässt, den Lesenden aber wenig Möglichkeit zur eigenen Bewertung von Strategieprozessen bietet.

Ein konkretes Ergebnis der Studie ist, dass sich Strategieentscheidungen weder von den Möglichkeitsräumen noch von den Theories of Change gänzlich erklären lassen. Die Heterogenität an Überzeugungen in einer Gruppe weist vielmehr dem Gruppenprozess, innerhalb dem die Heterogenität verhandelt wird, die zentrale Bedeutung zu. Organisationsstrukturen wie etwa die Häufigkeit von Gruppentreffen, die Zuschreibung von Leadership Capital sowie die Verteilung und Legitimation von Aufgaben mit Blick auf den Faktor Zeit schaffen Hierarchien. Als Beitrag zum Forschungsstand wirft Bosse aber auch die Frage auf, ob Basisgruppen eingedenk des Zusammenspiels der Ressourcen, Gelegenheiten, Selbstverständnisse, Theories of Change und der Machtstrukturen innerhalb der Gruppe überhaupt strategiefähig sind (357). Rational im Sinne eines Rational Choice-Ansatzes agieren sie wohl nicht, vielmehr müsse ein Strategienpluralismus angenommen werden (365).

Orientierendes Wissen

Die Frage, welches Klimawandelwissen beziehungsweise welches Klimaschutzhandeln eigentlich in Jugendumweltgruppen herrscht, beschäftigt Jenny Lay-Kumar. Bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung der Studie von Lay-Kumar könnte der Eindruck entstehen, sie wolle den Spielraum zwischen eher radikalen und eher reformorientierten Teilen der Bewegung ausleuchten. Eine solche verengte Lesart würde dem rekonstruktiven Gehalt dieser Studie nicht gerecht. Die bereits im Titel des Buches genannten Begriffe Protest und Gestaltungsraum stellen zwei unterschiedliche Orientierungsmuster dar, mit denen Lay-Kumar in der Sprache der wissenssoziologischen Analyse die impliziten Handlungsorientierungen ihrer Gruppen zusammenfasst. Ein Orientierungsmuster ist weder ein bestimmtes Handlungsrepertoire noch ein Theorieaspekt, sondern damit wird ein Habitus bezeichnet, also mit Bourdieu gesprochen „strukturierende und strukturierte Struktur“, welche die routinierten Handlungs- und Deutungsmuster der Gruppen auf den Begriff bringt und zueinander in Beziehung setzt.

Damit ist bereits ein wesentlicher Unterschied der Studie von Lay-Kumar zu derjenigen von Bosse benannt: Während Bosse Strategiebildungen als kommunizierbare und kommunizierte Prozesse versteht – also Rahmungen, Theorien über die Zukunft und Selbstverständnisse –, bleibt Lay-Kumar konsequent rekonstruktiv und sucht etwas, was wirkmächtig in der Konstruktion der Wirklichkeit seitens der Umweltgruppen ist, etwa Deutungsmuster und Praktiken. Dabei folgt sie der Grundannahme von Andreas Reckwitz, wonach „implizite kollektive Orientierungsmuster als ordnende Elemente des Sozialen fungieren, die es Akteur*innen ermöglicht, die Welt als geordnet wahrzunehmen und handlungsfähig zu werden“ (74).

Lay-Kumar hat für ihre Studie acht Jugendumweltgruppen von Greenpeace und dem BUND befragt. Ihre Daten hat sie vor dem Protest von FfF erhoben. Da auch die Drucklegung des Buches offensichtlich vor den Protesten lag, bietet ihr Band keinerlei Reflexion auf dieses neue Phänomen, wäre für dessen Beobachtung aber definitiv einschlägig. Die Datenerhebung erfolgte mittels Gruppendiskussionen in verschiedenen deutschen Großstädten.

Bei der Darstellung der Ergebnisse stellt Lay-Kumar zunächst die Orientierungsmuster Protest und Gestaltungsraum voran und behauptet, diese Orientierungen entsprechen weitestgehend den jeweiligen Praktiken der Jugendgruppen von Greenpeace (Protest) und BUND (Gestaltungsraum). Dass die Orientierungsmuster auf die jeweiligen Realgruppen zurückzuführen sind, erscheint dem Lesenden nicht immer plausibel. So ist es kaum nachvollziehbar, dass die Jugendgruppe immer den maßgeblichen Erfahrungsraum[2] darstellt. Die idealtypische Begriffsbildung und was darunter subsumiert wird, erscheint aber dennoch schlüssig.

Unter Protest versteht Lay-Kumar begrifflich mit Luhmann ein „Dagegen“ sowie eine „Distanz zur Gesellschaft“ (77). Pointiert fasst Lay-Kumar dieses Orientierungsmuster zusammen als einen Kampf „gegen eine dystopische Zukunft, in der nicht nur das Überleben der Menschheit, sondern das ‚Überleben der Welt‘ gefährdet ist“, in denen es „‚verbrecherische‘ Konzernpraktiken und Verflechtungen zwischen Konzernen und Politik“ gibt, Ziele eines Angriffs klar eingegrenzt und Gegner*innen konkret benannt werden und „drastische Systemumwälzungen“ gefordert werden, wenngleich die Alternativen der Gruppen unklar blieben (124).

Demgegenüber kreise Gestaltungsraum begrifflich um ein „Dafür“, um Visionen und Utopien (79). Die Gruppen präsentierten sich entsprechend als Visionäre, die für Aufbruchsstimmung eintreten. So heißt es bei Lay-Kumar, dass die gestaltungsorientierten Gruppen eine ähnliche Problemanalyse wie die protestorientierten Gruppen skizzieren (120). So würden die Gestaltungsraum-Fälle dokumentieren, dass sich die Gruppen bereits mit unterschiedlichen Zielen und Bereichen von Natur-, Umwelt- und Klimaschutz beschäftigt und eigene Schwerpunkte gesetzt haben. Typisch für die Gruppen sei, dass sie „den Fokus jedoch auf Transformationswissen legen, konkret auf Lösungsansätze und eigene Handlungsmöglichkeiten. Insbesondere wird die Problemanalyse nicht von einer Katastrophenstimmung begleitet, sondern von einer hoffnungsgeladenen Aufbruchstimmung“ (120).

Diesem Befund folgen Einsichten in die Naturverhältnisse, also in die jeweiligen Umweltschutzvorstellungen sowie wie Natur-Kultur- oder Umwelt-Gesellschaft-Verhältnisse. Während Protestgruppen hier eher einen Dualismus von Natur und Kultur darstellen, ein eher „naturalisierendes Bild“ von Umwelt zeichnen (131) und unter Umweltschutz eher die Abwesenheit des Menschen verstehen, würden Gestaltungsraumgruppen Umweltschutz eher als ein Bündel von „Abwägungsfragen“ betrachten (136).

Die unterschiedlichen Orientierungsrahmen schlagen auch auf diskutierte Praktiken durch, was Lay-Kumar anhand von Informationskampagnen und Öffentlichkeitsarbeit diskutiert: Während die Protestgruppen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit eher provozieren und ein Umdenken einforderten, würden Gestaltungsraumgruppen bei aller Differenz eher auf die Attraktivität transformativen Verhaltens setzen, etwa in sozialen Events wie zum Beispiel Volxküchen oder vegetarisch-vegane Kochabende, allerdings häufig im semiprivaten Raum.

Nach einer zusammenfassenden Analyse in Kapitel fünf wechselt Lay-Kumar in ihrem Abschlusskapitel ihre Darstellungsweise und stellt sechs Thesen auf, wie kommuniziert werden kann, um Klimaschutz stark zu machen. Damit spricht sie insbesondere Menschen an, die in der politischen Bildung tätig sind, aber sicherlich auch andere Bewegungsakteur*innen. Diese Thesen zielen im Kern immer auf eine attraktive Vision des Guten Lebens, in dem sozial-ökologische Transformation selbstverständlich ist. Sie zielen aber auch darauf ab, so unterschiedliche Orientierungsmuster wie Protest und Gestaltungsraum miteinander zu versöhnen und sich gegenseitig ergänzen zu lassen.

Wissen in Bewegung

Indem beide Autorinnen aufbauend auf ihre qualitativen Studien Verallgemeinerungen anstellen, tragen sie zur Theoriebildung bei. Was wird in diesen Theorieentwürfen sichtbar? Am Beispiel des anfangs erwähnten Interviews mit Müller und Neubauer lässt sich dies beantworten. Bosses Analyse des Wie der Strategiebildung verweist auf die Organisation von Leadership Capital. Das genannte Zeitungsinterview lässt sich unter diesem Blickwinkel lesen als eine Art Streit über die Strategiebildung innerhalb der deutschen Umweltbewegung zwischen unterschiedlich radikalen Fraktionen. Insbesondere Neubauer spielt in dem Interview das Leadership Capital aus, wonach die Analysen von FfF in der Öffentlichkeit als adäquat angesehen werden (kulturelles Kapital), FfF mehr Kontakte außerhalb der Bewegung hat (soziales Kapital) und FfF über das Prestige der Organisation der größten Umweltproteste in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte verfügt. Im Interview kann sich Neubauer dem fast schon flehentlichem Bitten von Müller entziehen, Massen für den zivilen Ungehorsam zu organisieren, weil sie die FfF-Basisgruppen als in der Fläche verbreiteter und als Gesprächspartner*innen eher anerkannt weiß, als dies etwa für EG-Gruppen gilt. Entsprechend diesem situativen Machtvorsprung gegenüber Müller plädiert sie dafür, dass der deutsche Klimaprotest auch weiterhin heterogen auftreten soll, also mit vergleichsweise unspektakulären Demos genauso wie mit Akten zivilen Ungehorsams. Ein weiterer, von Bosse angesprochener Punkt betrifft die Tatsache, dass tatsächlich nicht alle Aufgaben in einer Gruppe für alle offen stehen. So hatte nur Neubauer die Gelegenheit, Gespräche mit Siemens-Chef Kaeser oder mit der Bundeskanzlerin zu führen. Damit greift das politische Gegenüber letztlich auch in die Strategiebildung der Umweltbewegung ein. Eine dritte These, die sich aus Bosses Text ableiten lässt, wäre, dass FfF schlicht ihre eingefahrene Protestroutine nicht ändern wollen.

Vor dem Hintergrund von Lay-Kumars Studie fällt eher auf, wie unterschiedlich orientiert die Protagonist*innen der verschiedenen Bewegungsrichtungen ihre jeweilige Position entwickeln. So werden Naturverhältnisse unterschiedlich dargestellt. Ein Streitpunkt im Interview lautet: Soll jegliches Wirtschaften zum Schutz von Umwelt und Natur heruntergefahren oder – wie Neubauer es andeutet – transformiert werden? Zum Wirtschaftssystem wird unterschiedlich Stellung bezogen: Müller ist expliziter antikapitalistisch als Neubauer. Und es wird auf unterschiedliche Weise Verantwortung auf andere geschoben: Müller sieht FfF in der Pflicht, aber auch konsumierende, mobile oder produzierende Menschen, Neubauer argumentiert stärker selbstkritisch. Auch wenn Lay-Kumar in ihrer Studie selbst EG nicht eindeutig einem Orientierungsrahmen zuschlagen möchte (130, 242), so erscheint Müllers Art und Weise der Darstellung recht homolog zum Protest-Orientierungsrahmen in Lay-Kumars Studie, während Neubauer spricht, als reproduziere sie den Gestaltungsraum-Orientierungsrahmen. In Müllers Rede ist das geradezu Apokalyptische des Klimawandels viel deutlicher als bei Neubauer. Umgekehrt ist Neubauers Stil abwägender und zielt auf Aushandlungen auch mit politischen Institutionen, Gewerkschaften und Sozialverbänden ab.

Fazit

An Bosses Studie überzeugt die umfängliche Leser*innenführung: Selbst bei einem Querlesen der Kapitel wird schnell klar, was wieso an der jeweiligen Stelle diskutiert wird. Auch bietet der Band zahlreiche Rückbindungen an aktuelle Forschungen und Ansätze in der (Umwelt-)Bewegungsforschung. Trotzdem beschleicht den Lesenden das Gefühl, dass weniger an Theorie, Methode und empirischem Material mehr gewesen wäre.

An Lay-Kumars Beitrag mag zunächst die wissenssoziologische Sprache und Betrachtungsweise irritieren: die Suche nach dem impliziten und inkorporierten Wissen mutet manchmal wie ein Besserwissen an. Mit der wissenssoziologischen Methode wird aber die innere Verbindung von Aspekten rekonstruiert, die letztlich in klimapolitischen Bewegungen zu unterschiedlichen Alltagspraktiken führen. Damit erhellt Lay-Kumar einerseits Zusammenhänge innerhalb der genannten Orientierungsrahmen und expliziert andererseits habituelle Unterschiede innerhalb der Bewegung. Es sei aber angemerkt, dass dem Band ein besseres Lektorat zu wünschen gewesen wäre.

Beide Bände fügen dem Forschungsstand die Erkenntnis hinzu, dass es empirisch die Strategie beziehungsweise das handlungspraktische Wissen der Bewegung jeweils nicht im Singular gibt. Strategien und Praktiken werden ausgehandelt, stehen in Konkurrenz zueinander. Dieser letzte Aspekt kommt bei Lay-Kumar etwas zu kurz, obwohl die von ihr verwendete Interpretationsweise in diesem Punkt einschlägig wäre.

Abschließend ein kleiner Wehrmutstropfen: Beide Bände sind von Autorinnen verfasst, die ihre eigene Verbindung zur Klima- und Umweltbewegung teils explizit machen. Insofern stellt sich die Frage, welches Wissen wieder in die Bewegung zurückgegeben wird. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert gewesen, dass der noch immer recht exklusive Charakter der deutschen Umweltbewegung eine größere Rolle gespielt hätte. So wird im Rahmen der Reflexion auf Strategiebildung wenig thematisiert, ob es auch zur Strategiebildung dazugehört/dazugehören könnte, die eigene Basis mit dem Ziel der Hegemoniebildung zu erweitern oder zu differenzieren. Eher oberflächlich taucht bei Bosse das Thema Ausstieg aus den Basisgruppen auf. Engagierte seien eben noch nicht allzu sehr involviert gewesen und scheinbar früh wieder ausgestiegen oder könnten sich schlicht nicht mit einem bestimmten Selbstverständnis identifizieren (310f., 361).[3] Auch in der letztlich Habitus-sensiblen Studie von Lay-Kumar wird nicht herausgearbeitet, inwieweit das beobachtete Handlungswissen auch exkludierend wirkt. Zwar weist Lay-Kumar darauf hin, dass die Ein- und Ausschlüsse in den von ihr untersuchten Organisationen „umgekehrt funktionieren“ (162), da die protestorientierten Gruppen sich zwar scharf nach außen abgrenzen, aber niedrigschwellige Gruppenformate nutzen, während die Gestaltungsraum-Gruppen Offenheit kommunizierten, aber dann in halbprivaten Settings doch wieder Schließungen vollziehen. Weiterhin mutmaßt sie, dass sich in den Gruppen ein „Öko-Milieu“ artikuliert (178ff.). Aber eine tiefergehende Analyse von Ausschlussmechanismen, welche über die Ideologiekritik am Moralismus der Protest-Fälle hinausgeht, ist in dieser Arbeit nicht zu finden.

[1] „Wagnis eingehen oder Frieden stiften?“ taz, die tageszeitung, Donnerstag 11.06.2020, S. 4-5. Im Zuge des Besuchs von vier Aktivistinnen von FfF im Bundeskanzleramt im August 2020 erneuerte Müller seine Kritik an FfF, u.a. via Twitter. Hier teilte EG zudem mit, dass Müller EG zwar durchaus solidarisch verbunden sei, aber nicht für das Netzwerk spreche.

[2] Erfahrungsraum ist ein methodischer Terminus der hier verwandten Interpretationsmethode, unter dem sich beispielsweise Milieu oder Generation subsumieren ließe.

[3] Hier steht Albert O. Hirschman mit „Exit, Voice and Loyalty“ von 1970 Pate.


Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

Maik Fielitz/Nick Thurston (Hg.) 2020: Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US (Transcript), rezensiert von Tobias Fernholz.

Grimm, Jannis/Koehler, Kevin/Lust, Elisabeth/Saliba, Ilyas/Schierenbeck, Isabelle 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments (Sage), rezensiert von Luca Miehe. 

Vey, Judith/Leinius, Johanna/Hagemann, Ingmar 2019: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis (Transcript), rezensiert von Alexandra Bechtum und Carolina A. Vestana.

 

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  • Das Repertoire an anderen Protest- und Widerstandsmöglichkeiten ist bei Weitem noch nicht ausgereizt. Damit meine ich nicht nur fröhlich-freundliche Straßenproteste, sondern auch zivilen Ungehorsam. Sowohl in Qualität als auch in Quantität ist das Spektrum da noch nicht ausgeschöpft.

    die tageszeitung, 20.9.2021: „Gandhi war auch im Hungerstreik“

    ipb-Forscher Prof. Dr. Dieter Rucht, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
     
 

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