Der 'Tank Man' wurde zur Symbolfigur der chinesischen Demokratiebewegung. Das Video, in dem er am Tiananmen allein eine Panzerkolonne stoppte, ging um die Welt (Foto: Deborah Kelly).

 
 

Handlungsfähigkeit in der bundesdeutschen Flüchtlingsunterbringung

 

Projekttitel

Zwischen Verwaltungsobjekt und handlungsfähigem Subjekt. Raumkonstituierung, Subjektivierungsprozesse und Handlungsfähigkeit in der bundesdeutschen Flüchtlingsunterbringung

Finanzierung

Fritz-Thyssen-Stiftung

Laufzeit

2016-2018

Beteiligte Wissenschaftler_innen

Dr. Judith Vey (Projektleitung)

Zusammenfassung

(English translation / Arabic translation / Farsi translation)

Über 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – so viele wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Allein 2014 wurden rund 14 Millionen Menschen zur Flucht getrieben. Nur ein Bruchteil dessen erreicht Europa und Deutschland. In den letzten Jahren ist die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland stark gestiegen, nachdem sie 2008 auf ihren Tiefstwert von 28.018 Erst- und Folgeanträgen gesunken war. Diese gestiegene Zahl der Asylsuchenden stellt die deutsche Gesellschaft vor neue Herausforderungen.

Während ihres Asylverfahrens wird den in Deutschland Schutz suchenden Menschen eine Unterbringungen zur Verfügung gestellt. Aufgrund der stark gestiegenen Antragszahlen kam es spätestens 2015 vielerorts zu Versorgungs- und Unterbringungsengpässen. Wurden infolge der Flüchtlingsprotestbewegung von 2012/2013 die Unterbringungsbedingungen und die Perspektive der Geflüchteten noch im öffentlichen Diskurs thematisiert, rückten sie mit der Infrastruktur- und Verwaltungskrise 2015 kontinuierlich in den Hintergrund.

Die Frage, wie die Unterbringung, Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe der Geflüchteten gestaltet wird, ist für eindemokratisches Gemeinwesen jedoch von zentraler Bedeutung. In den Flüchtlingsunterkünften entsteht ein spezifischer Sozialraum, der die Identitäten und die Handlungsfähigkeit der BewohnerInnen maßgeblich beeinflusst. Aus diesem Grund steht in diesem Forschungsprojekt die Innenperspektive der Geflüchteten auf ihre Unterbringung im Vordergrund.

Das Projekt umfasst folgende zentralen Fragekomplexe:

I. Raumkonstituierung

  • Welche spezifischen Räume werden im Kontext der Flüchtlingsunterbringung erzeugt?

II. Produktion von Subjektivitäten

  • Welche Typen der Subjektivierung werden durch die spezifische Art der Raumkonstituierung produziert?

III. Generierung von Handlungsfähigkeit

  • Wie wirken sich Raumkonstituierung und Subjektivierungsprozesse auf die Handlungsfähigkeit der Geflüchteten aus?
  • Welche Strategien wenden die Geflüchteten, das Heimpersonal, die Lokalbevölkerung und zivilgesellschaftliche AkteurInnen an, um Handlungsfähigkeit zu erweitern?

Die ersten beiden Themenkomplexe der Raumkonstituierung und Subjektivierung bilden die Grundlage für die Beantwortung der dritten Frage nach der Handlungsfähigkeit der Geflüchteten, die den Fluchtpunkt dieses Forschungsprojekts bildet.

Das methodische Design zeichnet sich durch ein multimethodisches Vorgehen aus. Auf der Grundlage von halbstandardisierten Einzel- und Gruppeninterviews mit BewohnerInnen, Heimpersonal, BehördenmitarbeiterInnen, Initiativen in der Lokalbevölkerung und überregionalen UnterstützerInnengruppen, teilnehmender Beobachtung in den Unterkünften, partizipativer, akteurInnenzentrierter Erhebungsmethoden, ExpertInneninterviews und der Analyse von Dokumenten werden mittels des Forschungsdesigns der Grounded Theory differenziert Typen von den Sozialraum prägenden Faktoren, Subjektivierungsprozessen und Handlungsstrategien erarbeitet. Ziel dieses Projekts ist es, aus einer (1) raumsoziologischen, (2) subjekttheoretischen und (3) handlungstheoretischen Perspektive ein umfassendes und differenziertes Bild des Sozialraums Flüchtlingsunterkunft in Deutschland zu erstellen.

 
 
 
 
  • Zum Beispiel wurde jetzt bei den Protesten gegen G20 gesagt, diese Eskalation der Gewalt sei einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Da sage ich: Nun mal langsam. Wir hatten massive Ausschreitungen am 1. Mai in Berlin, wir hatten die ausländerfeindlichen Attacken in Rostock-Lichtenhagen, wir hatten den Terrorismus der 70er und 80er Jahre, wir hatten gewaltsame Konflikte in Brokdorf und anderswo. Ganz zu schweigen vom Ausmaß der Gewalt in anderen Ländern.

    die tageszeitung, 16.9.2017: „Ich lege auch die wunden Punkte einer Bewegung offen“

    Prof. Dr. Dieter Rucht, Vorsitzender des Vereins für Protest- und Bewegungsforschung
     
 

Anstehende Termine

  1. Politik von unten: Weltgesellschaft und Globalisierung sozialer Bewegungen

    30. Oktober, 18:00 - 19:30
  2. Politik von unten: Digitale Protestakteure

    13. November, 18:00 - 19:30
  3. ipb-Jahrestagung

    24. November, 10:00 - 25. November, 17:00