Projektbeschreibung

Gemeinsam mit dem Danziger Europejskie Centrum Solidarności (ESC) realisiert das ipb das Projekt Feministischer Aktivismus in Kleinstädten. Im Förderzeitraum (09/2020 bis 12/2022) werden zwei Postdoc-Stipendien, Reisen zur Feldforschung und Workshops sowie mehrere Publikationen durch die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung mit insgesamt über 70.000 EUR finanziert.

Unsere Forschung stützt sich auf die Pilotstudie von Magdalena Muszel, die im Rahmen der feministischen Mobilisierung von 2018 erste Interviews mit polnischen Aktivistinnen des „Frauenstreiks“ in kleinen und peripheren Städten durchgeführt hat. Der innovative Charakter des Projekts liegt v.a. im Fokus auf den oft wenig berücksichtigten kleinstädtischen und peripheren Bewegungskontext. Ziel des gemeinsamen Vorhabens ist es, die empirischen Ergebnisse der Pilotstudie zu fundieren und systematisch auf den zeitgenössischen Wissensstand zu beziehen, mögliche transnationale Dynamiken zu erschließen und die gewonnenen Erkenntnisse in eine vergleichende Sicht zu überführen. Hierfür gehen wir explorativ vor und bedienen uns eines qualitativen methodischen Zugangs.

Ein im deutsch-polnischen Team gemeinsam entwickeltes Forschungsdesign soll sowohl hermeneutisches Verstehen wie auch die Rekonstruktion von Handlungsbedingungen ermöglichen. Wir gehen u.a. den folgenden Fragen nach:

  • Welches Selbstbild prägt – vor dem Hintergrund ihrer sozialen Erfahrungen, existierenden Handlungsräumen und Bewegungstraditionen – die Aktivistinnen in Kleinstädten?
  • Welche Unterschiede hinsichtlich der Tradierung von Bewegungsaktivität, lokalen Referenzen und ggf. der Zusammensetzung von Trägerinnen charakterisieren den zeitgenössischen Aktivismus?
  • Wie setzen sich feministische Aktivistinnen in Kleinstädten zu anderen aktuell prägenden sozialen Konflikten in Beziehung?

Befragt werden Aktivistinnen in peripheren Städten (abseits von Agglomerationen) von idealerweise bis zu 50.000 Einwohner:innen. Ein explizit ‚feministisches‘ Selbstverständnis ist kein Kriterium für den Einbezug ins Sample.

Gesellschaftlicher Hintergrund

Ausgangssituation in Polen

2016 löste in Polen die Volksinitiative „Stop Aborcji“ (Stoppt Abtreibungen) landesweite Massenproteste aus. Das regressive Gesetzesvorhaben sollte Abtreibungen unter Haftstrafe stellen und wurde beispielsweise von der Premierministerin oder von hohen Würdenträgern der katholischen Kirche öffentlich unterstützt. Unter dem Banner „Czarny Protest“ (Schwarzer Protest) organisierten v.a. neu entstandene Gruppen, hier allen voran der „Ogólnopolski Strajk Kobiet” (Allpolnischer Frauenstreik), einen in seinem Ausmaß für alle überraschenden zivilgesellschaftlichen Widerstand. Am 23. September 2016, dem Tag der größten Straßenmobilisierung dieser Protestwelle, dem „Czarny Poniedziałek“ (Schwarzer Montag), versammelten sich knapp 100.000 Pol:innen in 143 Ortschaften. In vielen kleineren Städten war dies der erste Protest seit der Wende von 1989. Der Widerstand der Menschen war so groß, dass die polnische Regierung schließlich das Vorhaben einer weiteren Verschärfung des polnischen Abtreibungsgesetzes nicht weiter forcierte.
Eine noch größere Protestwelle folgte 2018, als eine weitere Volksinitiative der ultrakonservativen ‚Pro-Life‘-Aktivist:innen im polnischen Parlament verhandelt wurde – und wieder gab die Regierung in Polen dem Druck der Straße nach. Deshalb haben die Abtreibungsgegner:innen einen Strategiewechsel vollzogen und nun keine Gesetzesinitiative mehr eingebracht, sondern das polnische Verfassungsgericht angerufen. Nach dem Urteil vom Oktober 2020, das Teile des bestehenden Abtreibungsgesetzes für ungültig erklärte und damit legale Abtreibung praktisch unmöglich macht, gingen wieder abertausende Pol:innen auf die Straßen. Die bislang größten feministischen Proteste dauern trotz Pandemie und zunehmend brutalem Vorgehen der Polizeikräfte auch Anfang 2021 an.

Ausgangssituation in Ostdeutschland

In Deutschland besteht hinsichtlich der Abtreibungsgesetzgebung zwar keine mit der in Polen vergleichbare Lage oder eine Stimmung, wie sie in der Namensgebung des polnischen Komitees „Ratujmy Kobiety“ (Rettet die Frauen) zum Ausdruck kommt. Gleichwohl ist die bestehende Regelung in Gesellschaft und Parlament umstritten: Auf der Grundlage des in §219 des Strafgesetzbuches festgehaltenen Verbots der „Werbung“ für Abtreibung finden Prozesse gegen Mediziner:innen statt, die Abtreibungen durchführen; organisierte ‚Lebensschützer:innen‘ treten regelmäßig mit Demonstrationen auf und üben Druck auf Abtreibungskliniken und deren Patientinnen aus, worauf feministische Gegeninitiativen antworten. Von diesen Auseinandersetzungen gehen Mobilisierungsimpulse aus, die ebenso an ältere Bewegungsnetzwerke anknüpfen wie neue Organisationen entstehen lassen.
Abtreibung und in einem weiteren Sinn reproduktive Rechte sind mithin auch in Deutschland politisch stark umkämpft. Wie in Polen steht diese Zuspitzung für eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung um Geschlechterverhältnisse. Teils forciert durch organisierte rechte Kräfte, teils aus der ‚Mitte‘ der Gesellschaft, artikuliert sich auch in Deutschland verstärkt Antifeminismus bzw. Anti-Genderismus. Letztgenannter geht aus der Verarbeitung von Entwicklungen der letzten Dekaden hervor, die einseitig dem Feminismus zugeschrieben werden, und positioniert sich gegen Freiheitsgewinne von Frauen wie auch die erhöhte Vieldeutigkeit und Fluidität von Geschlechterverhältnissen. In Ostdeutschland stellen sich diese gesellschaftlichen Konflikte vor dem Hintergrund einer seit 1989 fortschreitenden ultrarechten bis neofaschistischen Mobilisierung und (v.a. in peripheren Räumen) Hegemoniebildung spezifisch dar. Rechte Bewegungen haben erheblich an alltagspolitischer Stärke gewonnen und dominieren vielfach sogar das soziale Feld in Kleinstädten und ländlichen Räumen. Es kommt zu einer gegenüber den westlichen Landesteilen verstärkten Polarisierung und Verengung von Handlungsräumen für Aktivist:innen der Linken, Demokrat:innen sowie frauenpolitisch Aktive.
Engagement vor dem Hintergrund harscher gesellschaftlicher Polarisierung bildet damit ein Gemeinsames in beiden Ländern und legt eine Formähnlichkeit auch des Frauenaktivismus nahe. Bildet in Polen der Status der katholischen Kirche einen wesentlichen Fixpunkt gesellschaftlicher Lagerbildung, so gehen wir speziell für die östlichen deutschen Bundesländer davon aus, dass sich lokal wirkmächtige Polarisierungen bezüglich Geschlechterverhältnissen vor dem Hintergrund rechter Hegemonie herausbilden.
Das Projekt wird einen Beitrag zum Verständnis aktueller Konflikte um Deutung geschlechtlicher Differenzierung, vergeschlechtlichter Arrangements des Zusammenlebens und gesellschaftlicher Verarbeitung der Folgen feministischer Bewegungen leisten – mit einem Fokus auf ‚postsozialistische‘ Bedingungen.

Forschungsteam

Piotr Kocyba (Leitung der deutschen Teilstudie), Email: piotr.kocyba@phil.tu-chemnitz.de
Piotr Kocyba hat 2006 an der Universität Regensburg sein Studium der Politikwissenschaften und Slavisitik abgeschlossen und wechselte im Anschluss an die TU Dresden, wo er ihm Rahmen eines durch die VolkswagenStiftung geförderten Projekts seine Promotion zu verfassen begann. 2012 verteidigte er seine Doktorarbeit über die Ideologisierungen der Debatte um das Idiom der Oberschlesier im Kontext der oberschlesischen Bewegung. Seit 2009 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas an der TU Chemnitz, wo er seit seiner Studie zu Pegida sich auf rechte Protestmobilisierungen sowie auf Demonstrationen im postkommunistischen Kontext spezialisiert. Er war Stipendiat der polnischen Regierung, des DHI Warschau, des DAAD, ist Vorstandsmitglied des Instituts für Protest und Bewegungsforschung und Mitbegründer des Arbeitskreises Rechte Protestmobilisierung. Seit November 2018 realisiert er ein Forschungsprojekt zu Demonstrationen in Polen, das des BMBF mit 430.000 EUR finanziert. Während seiner Forschung hat er zwei Schwarze Proteste sowie zwei Manifas in der polnischen Hauptstadt befragt.

Corinna Trogisch (Feldforschung in Ostdeutschland), Email: coel.trogisch@gmail.com
Corinna Eleonore Trogisch ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Gender-, Partizipations- und historisch-vergleichende Bewegungsforschung. Spezialisiert auf qualitative Methoden schloss sie 2020 ihre Promotion zur Frauenbewegung in der Türkei an der Leibniz Universität Hannover ab. Im Wintersemester 2019/20 war sie Lehrbeauftragte des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von Oktober 2017 bis Februar 2018 führte sie als Gastwissenschaftlerin am ZTG eine stadträumliche Kurzstudie zu sozialen Partizipationsmöglichkeiten für Geflüchtete, Menschen mit Migrationsgeschichte und People of Color am Beispiel von zwei Berliner Stadträumen durch (Gunsch, Trogisch, Vey und Ullrich 2021). Von 2015 bis 2018 führte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Türkischen Bunds e.V. in Berlin eine qualitative Studie zur lokalen politischen Partizipation von Migrant:innen durch (Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg e.V. 2018). Sie ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) in Berlin.

Grzegorz Piotrowski (Leitung der polnischen Teilstudie), Email: g.piotrowski@ecs.gda.pl
Grzegorz Piotrowski hat Anthropologie und Philosophie im Rahmen eines interdisziplinären Studiums an der Adam Mickiewicz Universität in Posen studiert. 2011 verteidigte er seine Doktorarbeit „Alterglobalists in Post-Socialism: A Study of Central Eastern European Activists“ am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Im Anschluss arbeitete er an der Södertörn Universität in Schweden im Rahmen einer Reihe von Projekten zum Thema sozialer Bewegungen (Ökologen, Hausbesetzer, Anarchisten). Gegenwärtig realisiert er ein Projekt über rassistische Mobilisierungen in den Staaten des Ostseeraums. Er ist auch Forscher am Europäischen Zentrum der Solidarität in Danzig. Seit 2019 ist er Assistenzprofessor am Institut für Soziologie der Universität in Danzig. Er war Stipendiat der VolkswagenStiftung in Budapest und Mitglied des Zentrums für Baltikum- und Osteuropastudien. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Problemen der Zivilgesellschaft und einem radikalen Wandel politischer Graswurzelbewegungen.

Magdalena Muszel (Feldforschung in Polen)
Magdalena Muszel hat 2005 ihr Studium am Institut für Ethnologie und Anthropologie an der Jagiellonen Universität in Krakau abgeschlossen. 2013 verteidigte sie ihre Doktorarbeit in Sozial- und Politikwissenschaften am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Die Doktorarbeit widmete sich den sich verändernden Geschlechterverhältnissen in Familien unter dem Einfluss von transnationalen Migrationen (Family through the Gender Lens: Poles in Ireland). Neben einer 15-jährigen Erfahrung in der Realisierung wissenschaftlicher Projekte verfügt Magdalena Muszel auch über eine 5-jährige Erfahrung im Konzipieren und Realisieren von gesellschaftlichen und Marketingstudien für professionelle Meinungsforschungsinstitute. Sie absolvierte zudem ein Aufbaustudium im Bereich des Projektmanagements an der Fachhochschule in Danzig.

Aktuelles und Publikationen

Rezeption in Presse und Medien

Magdalena Muszel: Protesty kobiet w mniejszych miastach: „W 2016 r. było straszenie, teraz ta wolność już została ograniczona“ für den Nachrichtenradiosender Tok FM (am 29.10.2020)

Magdalena Muszel: Kartony wykończyły nawet Hankę Mostowiak. Hasła strajku kobiet, czyli szyfr przeciw dziadersom für die Tageszeitung Dziennik Bałtycki (am 06.11.2020)

Magdalena Muszel: Protesty kobiet w mniejszych miastach – strategie aktywistek für den Nachrichtenradiosender Tok FM (am 12.11.2020)

Magdalena Muszel: Dlaczego protestowanie w małych miejscowościach jest sporym wyzwaniem? Für den Nachrichtenradiosender Tok FM (am 04.12.2020)

Magdalena Muszel: Ludzie czują się zagrożeni, czują, że odbierana jest im kawałek po kawałku ich wolność für den Nachrichtensender TVN24 (am 25.10.2020)

Magdalena Muszel: De polske abortprotester indvarsler politisk skred og en kulturel revolution i Polen für die dänische Tageszeitung Dagbladet Information (am 01.12.2020)

Blogeinträge und Online-Veröffentlichungen

Magdalena Muszel und Grzegorz Piotrowski: “They’re uncompromising”: How the young transformed Poland’s abortion protests bei OpenDemocracy (am 11.12.2020)

Magdalena Muszel und Grzegorz Piotrowski: Understanding Pro-choice Protests in Poland bei NORTHERN NOTES (am 11.12.2020)

Publikationen

Grzegorz Piotrowski und Magdalena Muszel: „Czarne protesty” jako wydarzenie transformacyjne praktyk obywatelskich działaczek z małych miast, „Civitas. Studia z filozofii polityki”, nr 27/2020