Cross-Movement Convergences: The Urban as Opportunity or Limitation?

Im Rahmen der Internationalen Konferenz zu „Cross Movement Mobilization“ vom 5. bis 8. April 2017 in Bochum hat der AK Stadt/Raum zwei Panels zum Thema „Cross-Movement Convergences: The Urban as Opportunity or Limitation?“ organisiert. Die Vorbereitung und Moderation übernahmen Margit Mayer (Center for Metropolitan Studies, TU Berlin) und David Scheller (FH Potsdam).

Inhaltlicher Ausgangspunkt für die Zusammenstellung der Panels war der Befund, dass städtische soziale Bewegungen in den vergangenen zwei Dekaden an Bedeutung gewonnen und sich um urbane Konflikte eine Vielzahl unterschiedlicher Protestinitiativen gebildet haben. Die Versprechungen des Urbanen sind in den letzten Jahren zu einem Verbindungspunkt für heterogene Proteste geworden, wobei das „Recht auf Stadt“ (Lefebvre) in städtischen sozialen Bewegungen und im entsprechenden Forschungsfeld ein Revival erlebt hat. Eine Herausforderung für viele Bewegungen besteht in der Verbindung und gegenseitigen Unterstützung ihrer partikularen, oft fragmentierten Proteste. Debatten zur Einschätzung städtischer sozialer Bewegungen lavieren zwischen Kontextualisierungsversuchen als potentielle Ansatzpunkte für eine Kritik an hegemonialen kapitalistischer Vergesellschaftung und Betonung der Risiken des local trap für translokale Mobilisierungen. Dieses Spannungsfeld bildete den Kern der beiden Panels für eine Diskussion von Konvergenzen städtischer Bewegungen anhand verschiedener Forschungsansätze, empirischer Fälle und theoretischer Interpretationen. Dabei sollten sowohl die Chancen und Möglichkeiten als auch Schwierigkeiten und Hindernisse in den Blick genommen werden.

Den Anfang zum sehr gut besuchten Vormittagspanel machte Justus Uitermark (University of Amsterdam), der als Keynote Speaker für die Panels in seinem Vortrag „The urban vortex. Connections across cities and movements“ eine konzeptionelle Ausrichtung aus einer bottom-up Perspektive auf städtische soziale Bewegungen vorstellte. Bezugnehmend auf sein und Walter Nicholls’ jüngst erschienenes Buch „Cities and Social Movements“ betonte er den lokalen Kontext als entscheidend für das Verständnis von sozialen Bewegungen, die er weniger als Entitäten als vielmehr temporäre Strukturen begriffen haben will, da deren Subjekte zwischen verschiedenen Bewegungskontexten hin und her springen, und nur mittels eines relationalen Ansatzes erklärt werden können. Beispielhaft illustrierte er sowohl die lokale Verwurzelung von städtischen Protesten sowie deren globale Vernetzung an Hand empirischer Erhebungen von Twitternutzung von Aktivist_innen der Bewegung für Migrant_Innenrechte.
Nina Fraeser (HCU Hamburg) widmete sich in ihrem Vortrag „Commoning as solidarity practice: the social-spatial reproduction of urban social movements“ der lokalen Eingebundenheit städtischen Protests in Hamburg. Sie diskutierte die Relevanz von (post)autonomen Räumen des Widerstands aus einer queeren Perspektive und hob dabei explizit die Berücksichtigung von Elementen des Scheiterns hervor. Dabei verlagert sich der Fokus auf die Sphäre der Reproduktion weg von Großevents hin zu den kleinen Störungen, Widersprüchen und Kämpfen im Städtischen. Gerade diese Unvollkommenheit sei entscheidend für die Entstehung von Solidarität und Konvergenzen durch Commoning-Praktiken.

David Scheller (FH Potsdam) präsentierte in seinem Vortrag „Beyond housing movements? Convergences of urban social movements in Berlin and New York“ beispielhaft die Konstitution stadtpolitischer Netzwerke aus hegemonietheoretischer Perspektive. Protestartikulationen konvergieren in der Formulierung von Äquivalenzketten und Antagonismen sowie der Konstruktion leerer Signifikanten auf einer Grassroots-Ebene. Insbesondere eine „Stadtpolitik von unten“ wird zu einem gemeinsamen Bezugspunkt für heterogene Protestinitiativen, deren Protest sich aus alltäglich erfahrenen Widersprüchen neoliberaler Politiken speist. Implizieren diese Verbindungen von Forderungen und Subjektpositionen (radikale) Demokratisierungselemente, so können städtische Protestartikulationen auch über den städtischen Kontext hinausweisen.

Esin Ileri (EHESS, Paris) widmete sich in ihrem Vortrag „Social Movements in Istanbul“ in erster Linie den (Dis)Kontinuitäten von Protest vor und nach der Besetzung des Gezi Park bis zu Mobilisierungen gegen das Referendum zur Verfassungsänderung im breiten Bündnis „Istanbul United“. Die Erfahrungen der Aneignung des urbanen Raums und Kollaborationen ganz unterschiedlicher Akteur_innen haben zu einer neuen Sprache des Protests beigetragen, aber auch Hindernisse in der Zusammenarbeit verdeutlicht. Dabei entwickelte sie eine Typologie von zwischen verschiedenen Initiativen changierenden Aktivist_innen.

Inés Morales Bernardos (ISEC, University of Córdoba) stellte in ihrem Vortrag „Athens, cross-movement convergences to reconstruct urban food autonomy in times of crisis“ Ergebnisse ihrer ethnographischen Arbeit vor. Urbane Gärten, kollektive Küchen und Kooperativen konstituieren horizontale Räume, mitunter auch Verbindungen zu ländlichen Regionen. Dabei bildet sich ein bewußt-spontanes Beziehungsgeflecht aus, das durch konsensorientierte präfigurative Politiken bestimmt ist. Für die Konstitution lokaler und transnationaler Netzwerke wirkt die Stadt wie ein Verstärker und als Möglichkeitsraum für politische Alternativen (political imaginaries), welcher jedoch als Zentrum sozialer Kontrolle auch Limitierungen bestimmt.

Sebastián Ibarra González (Amsterdam Institute for Social Science Research) stellte in seinem Vortrag „Urban Struggles in Santiago de Chile. Between local-territorial embeddedness and fragmentation of claims“ aus einer Framing-Perspektive zwei Fallstudien aus Santiago de Chile vor. Dabei fokussierte er insbesondere auf die lokale Eingebundenheit der Proteste und die tendenzielle Fragmentierung von Nachbarschaftskämpfen sowie ihre Limitierung auf konkrete partikulare thematische Protestfelder. Aus diesen Gründen komme es in diesen Fällen nicht zu Konvergenzen zwischen fragmentierten Partikularinteressen.

Die sich an die Vorträge anschließenden Diskussionen kreisten in erster Linie um epistemische und konzeptionelle Fragen zur Spezifität des Urbanen und darum, wie soziale Bewegungen analytisch zu verstehen sind. Aus unterschiedlichen Perspektiven wurde das Urbane als Agglomeration gesellschaftlicher Widersprüche, als politischer Imaginationsraum oder auch als diskursives Möglichkeitsfeld gesehen. Mit Blick auf die Skalen des Protests wurde generell die lokale Eingebundenheit betont, aber auch die Potentiale und Hindernisse globaler Konvergenzen. Die vorgestellten Forschungen setzten an den alltäglichen Erfahrungen als Protestursachen an und betonten die Rolle von kleinen, leisen, unvollkommenen und sporadischen Koordinationen und das schwierige und auch scheiternde Aushandeln gemeinsamer Bezugspunkte für Konvergenzen. Klar wurde jedenfalls, dass das Urbane ein heterogenes Möglichkeitsfeld des Protests und Widerstandes darstellt, nicht nur gegen den neoliberalen Urbanismus, sondern auch über Partikularismen hinausgehend mit Potential für radikaldemokratische Universalisierungen mit jeweils spezifischen lokal bedingten Limitierungen und Herausforderungen.

Autor: David Scheller

 

Das ISA RC47 Research Committee on Social Classes and Social Movements hat Videos der beiden Plenarsessions der Bochumer Konferenz zu “Theorizing Cross Movement Alliances” auf YouTube eingestellt.

 

Foto: Alan Hilditch (cc, via Flickr)

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