Ohnehin ist aus Sicht von Protestforscher Rucht die Person Thunberg heute nicht mehr so entscheidend wie zu Beginn. „Damals war sie wichtig als Frontfigur. Ihr Gesicht hat sich den Leuten weltweit eingeprägt und sie war ein großer Magnet, wenn es darum ging, bei Auftritten vor Ort Anhänger anzuziehen“, sagt Rucht. „Aber für das Funktionieren der Gruppe insgesamt ist sie zunehmend weniger wichtig geworden, weil die laufende Organisationsarbeit – und das ist der eigentlich zentrale Teil – von ganz anderen Leuten übernommen wird.“
Kleine Zeitung, 14.11.2023: Thunberg und der Gaza-Krieg: Selbstdemontage einer Klimaschutzikone
Dieter Rucht (WZB)
Werden [grundlegende] Werte von außen in Frage gestellt, reagieren Menschen oft impulsiv und emotional. Aletta Diefenbach, die an der Freien Universität Berlin zu „Streitsache Emotionen“ forscht, sagt, bei Triggerpunkten gehe es um das, „was wir für wahr und richtig halten oder komplett falsch finden“. „Das sitzt nicht nur in unserem Kopf, sondern es sitzt auch in unserem Körper“, so Diefenbach. „Ein Wert wird herabgesetzt, und dagegen wehren wir uns auch körperlich. Dadurch erhitzt sich die Debatte.“
Deutschlandfunk, 11.11.2023: Triggerpunkte: Über die Kunst, sich konstruktiv aufzuregen
Aletta Diefenbach (FU Berlin)
Die Mobilisierungsschwierigkeiten der Klimabewegung sind unter anderem auch damit zu erklären, dass es schwieriger ist, die Leute zu überzeugen, sich an Protesten zu beteiligen, wenn es ein negatives öffentliches Bild von Klimaprotest gibt.
Deutschlandfunk Hintergrund, 10.11.2023: Konkurrenz oder Mitstreiter? Letzte Generation und der Rest der Klimabewegung
Simon Teune (FU Berlin)
Ich war mir, bis ich mit Leuten von der „Letzten Generation“ gesprochen habe, nicht klar, dass die Zielgruppe eigentlich ein bürgerliches Publikum der Mitte ist. Dieses Publikum wollen sie ansprechen. Es ist aber auch das Publikum, was am allergischsten reagiert auf diese Proteste.
rbb24.de, 10.11.2023: Klimaprotest in Deutschland: Steuert die Klimabewegung auf einen Kipppunkt zu?
Felix Anderl (Uni Marburg)
Rucht warnt davor, präventiv Kundgebungen zu verbieten. Wer nach dem schrecklichen Terrorangriff der Hamas die westlichen Werte betone, „was ich ja richtig finde“, müsse dann aber auch die damit verbundenen Rechte liberal auslegen. Der Rechtswissenschaftler Clemens Arzt verlangt zudem mehr Zurückhaltung von der Politik. Deren Aufgabe sei es nicht, den Menschen vorzuschreiben, auf welche Demo sie gehen sollen und auf welche nicht.
Süddeutsche Zeitung, 10.11.2023: Nahost-Konflikt: „Passt auf, mit wem ihr mitlauft“
Clemens Arzt (HWR) und Dieter Rucht (WZB)
Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass Protestbewegungen mit einem klaren Schwerpunkt und konkreten Forderungen mehr Erfolgschancen haben als solche, die einen thematischen Gemischtwarenladen betreiben. Auch fehlt es dann im Hinblick auf einen sehr breiten Themenkatalog oft an fachlicher Expertise und gut begründeten Lösungsvorschlägen.
Augsburger Allgemeine Zeitung, 9.11.2023: Mehrheit der Deutschen hält Fridays for Future für gescheitert
Dieter Rucht (WZB)
„Es gibt wenig Raum, sich differenziert zu äußern und zum Beispiel Empathie gegenüber allen zivilen Opfern zu zeigen.“ So würden manche Personen, die ihre Solidarität mit den Menschen in Gaza ausdrücken möchten, nicht mit allen Botschaften auf pro-palästinensischen Demonstrationen übereinstimmen. „Umgekehrt sind Menschen nicht zur [Solidaritätsdemonstration für Israel] gegangen, weil sie die israelische Regierung nicht mit einer Carte blanche unterstützen wollen“, so Grimm.
Berliner Morgenpost, 31.10.2023: Israel-Hamas-Krieg: Die Sache mit der Positionierung
Jannis Grimm (FU Berlin)
Wenn Einzelne die Initiative ergreifen, zündende Ideen haben, Stimmungen auf den Punkt bringen, dann kann man in Wartestellung befindliche Gruppen ansprechen und als Antreiber oder auch Vermittler von Gruppen agieren, die ansonsten nicht kooperieren.
die tageszeitung, 29.10.2023: Protestforscher über ausbleibende Demos: „Risiko, im Abwarten zu versacken“
Dieter Rucht (WZB)
Ich nehme an, dass das deutsche Fridays for Future chapter [von den israelfeindlichen Posts von FFF international] nicht amused war. … Fridays for Future hat ja auch ein starkes Solidaritätsstatement rausgegeben, hat den Terror der Hamas ganz explizit verurteilt. Viel stärker kann man in Deutschland nicht in die Welt herausschreien: wir sprechen nicht mit dieser Stimme. Das sind nicht die Worte, die wir wählen würden.
NDR Kultur, 27.10.2023: Spaltungspotenzial bei Fridays for Future?
Jannis Grimm (FU Berlin)
Derzeit herrscht bei vielen leider die Wahrnehmung, dass man sich für eine Seite entscheiden und dabei implizit die andere komplett ausblenden muss. In der Wirklichkeit ist Empathie aber eben kein Nullsummenspiel. Trauer und Solidarität kann man durchaus mehreren Seiten geben, insbesondere der Seite der zivilen Bevölkerung, die sowohl in Israel als auch in Palästina am meisten unter diesem Konflikt leidet.
rbb 24, 24.10.2023: „Trauer und Solidarität kann man durchaus mehreren Seiten geben“
Jannis Grimm (FU Berlin)