Call for Participation: Soziale Bewegungen und die Soziale Frage

Call for Participation: Soziale Bewegungen und die Soziale Frage

 

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Nach einem Jahr Corona-Zwangspause organisiert das Institut für Protest- und Bewegungsforschung am 25. und 26. November 2021 wieder eine Jahrestagung zum Thema: “Soziale Bewegungen und die soziale Frage”. Das Programm wollen wir möglichst offen gestalten und laden deshalb über einen Call for Participation dazu ein, eigene Beiträge zur Jahrestagung vorzuschlagen.

Call for Participation

Der Begriff “soziale Frage” bezeichnete im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert neue Ungleichheiten, die mit der Industrialisierung und der Urbanisierung immer deutlicher sichtbar wurden. Dabei ging es um drängende Missstände bei der Versorgung mit Wohnraum und medizinischer Infrastruktur, aber auch um den Schutz vor Gewalt und gefährliche Arbeitsbedingungen. Soziale Bewegungen, wie die Arbeiter- und Frauenbewegung, städtische Bewegungen oder die Jugendbewegung, entwickelten sich im Kampf um Verbesserungen in diesen Bereichen.

Inwiefern stellt sich die soziale Frage unter den heutigen Bedingungen? Wie thematisieren soziale Bewegungen Ungleichheit und Verelendung im postkolonialen, digital vernetzten und mit fossilen Brennstoffen angetriebenen Neoliberalismus? In Auseinandersetzung mit Themen wie dem ökologischen Kollaps, intersektionaler Entrechtung, zunehmender Prekarisierung, Anerkennung von Sorgearbeit und dem Recht auf Wohnen mobilisieren soziale Bewegungen nicht nur entlang einer Achse (reich und arm bzw. Kapital und Arbeit), sondern mit Blick auf die Verschränkung verschiedener Ungleichheitsverhältnisse. Der gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus wirkt dabei wie ein Brennglas und zeigt globale Ungleichheitsverhältnisse noch deutlicher auf: Von Armut Betroffene, Frauen*, People of Color und die sogenannten ‘systemrelevanten Berufe’ sind ungleich mehr von Covid-19 bedroht und tragen zugleich die größere Last. In einer globalisierten Welt stellt sich die ‘soziale Frage’ über nationale Grenzen hinaus, wenn die Europäische Union Geflüchtete unter menschenunwürdigen Bedingungen leben lässt, anstatt sie sicher unterzubringen oder Patenten höhere Priorität einräumt als der schnellen Impfung der Weltbevölkerung.

Auf unserer Tagung wollen wir die Verschiebung von Rahmenbedingungen für soziale Ungleichheit genauso diskutieren wie die Strategien und Visionen, die soziale Bewegungen im Umgang damit entwickeln. Wir wollen einen Raum schaffen, um zu reflektieren, inwiefern die „soziale Frage“ in aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozessen neu verhandelt wird, welche Fragen beleuchtet werden und welche nicht, wo die Brüche und Kontinuitäten liegen.

Wir sind gespannt auf Eure Beiträge zu den folgenden (und anderen) Fragen:

  • Welche Rolle spielen soziale Bewegungen heute für die Artikulation und Kämpfe um die soziale Frage? Welche Allianzen und Antagonismen bilden sich heraus?
  • Wie thematisieren soziale Bewegungen die Komplexität verschränkter Ungleichheitsverhältnissen und wie werden sie ihr selbst gerecht? Wie werden Ungleichheitsverhältnisse zwischen und innerhalb Bewegungen reproduziert und ausgehandelt?
  • In welchem Verhältnis stehen soziale Frage, Sozialstruktur und politische Mobilisierung?
  • Wie können wir die räumliche Dimension der sozialen Frage verstehen? Haben wir es in erster Linie mit städtischer Politik zu tun? Welche Rolle spielen der ländliche Raum und transnationale Perspektiven?
  • Welche Perspektiven eröffnet die „soziale Frage“ als Querschnittsthema für verschiedene Bewegungen? Inwiefern bieten solche Perspektiven Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit der intersektionalen Formationen sozialer Ungleichheit?
  • Wie können die Begriffe “Klasse” und “Klassengesellschaft” angesichts wachsender Ungleichheit und sozialer Polarisierung eine Neuausrichtung abseits marxistischer Theorien erfahren?
  • Welchen Beitrag leistet die Bewegungsforschung, um das Verhältnis von Bewegungen und der sozialen Frage zu verstehen? Wie trägt sie selbst in ihrer Forschungspraxis zur Reproduktion sozialer Ungleichheit bei?

Wir freuen uns über Vorschläge für unterschiedliche Beiträge: akademische Forschung und aktivistische Reflektion, einzelne Vorträge, komplette Panels mit mehreren Vorträgen oder Diskussionen, diskursive und künstlerische Formate. Die Jahrestagung wird entweder hybrid, mit Präsenzveranstaltungen und Onlineformaten, oder nur online stattfinden. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

Frist zur Einreichung von Vorschlägen für Beiträge oder Panels ist der 25. Juni 2021. Die Vorschläge (250 Wörter, 5 Schlagwörter) sollten einen Titel und einen Emailkontakt enthalten sowie gegebenenfalls Vorschläge und Bedarfe, um die Hürden zur Teilnahme an der Veranstaltung zu senken. Abstracts bitte als pdf-Datei an: info@protestinstitut.eu.

Der CfP als pdf-Datei

Die Tagung wird durch die Heinrich Böll Stiftung gefördert.

Call for Participation

After a one year gap due to the pandemic, the Institute for the Study of Protest and Social Movements is organizing its 2021 annual conference under the title: “Social Movements and the Social Question”. The conference will be held on November 25th and 26th, 2021, either in a hybrid format, with face-to-face sessions and online events, or online only. Conference languages are German and English.

In the late 19th and early 20th centuries, the term “social question” referred to new inequalities that became increasingly visible with industrialization and urbanization. The focus was on pressing grievances in the supply of housing and medical assistance/infrastructure, but also on the protection against violence and dangerous working conditions. Social movements, such as the labor and women’s rights movements, urban movements, or the youth movement, developed in the struggle for improvements in these areas. To what extent does the social question arise under today’s conditions? How do social movements address inequality and impoverishment in the context of postcolonial, digital, fossil fuel-driven neoliberalism? In addressing issues such as ecological collapse, intersectional disenfranchisement, increasing precariousness, recognition of care work, and the right to housing, social movements mobilize not only along one axis (rich and poor or capital and labor), but also with the entanglement of various relations of inequality in mind. The Covid pandemic has made global inequalities even more obvious: among those experiencing poverty, women, People of Color (PoC), and the so-called “essential workers” are disproportionately more at risk of becoming infected with and dying of Covid-19, while they are also bearing a greater burden of the social costs. The pandemic also shows that in a globalized world, the “social question” transcends national borders: the European Union lets refugees die in the Mediterranean Sea or live in inhumane conditions instead of housing them safely. European governments are also prioritizing patents over rapidly vaccinating the world’s population.

At our conference, we want to discuss the shifting framework for social inequality as well as the strategies and visions that social movements develop in order to deal with it. We want to create
a space to reflect upon the extent to which the “social question” is renegotiated within contemporary social transformation processes. Which questions are highlighted and which are not? Which ruptures and continuities can be observed? We are looking forward to contributions to the following questions and more:

  • What role do social movements play today for the articulation and the fight over the social question? What alliances and antagonisms are formed?
  • How do social movements address the complexity of entangled relations of inequality, and how do they do justice to them? How are relations of inequality reproduced and negotiated between and within movements?
  • What is the relationship between the social question, social structure, and political mobilization?
  • How can we understand the spatial dimension of the social question? Do we primarily deal with urban politics? What role do rural areas and transnational perspectives play?
  • What perspectives does the “social question” open up as a cross-cutting issue for various movements? To what extent do such perspectives offer points of departure for addressing intersectional formations of social inequality?
  • How can the concepts of “class” and “class society” be reoriented with and beyond Marxist theories?
  • What is the contribution of social movement studies to understand the relation between movements and the social question? How do social movement studies contribute to the reproduction of social inequality in their research practice?

We welcome proposals for various types obf contributions: academic research and activist reflections, individual presentations, complete panels with multiple presentations or discussions, discursive and artistic formats.

The deadline for submitting abstracts for contributions or panels (250 words, 5 keywords, in German or English) is June 25, 2021. Please include a title, an email address, and, if applicable, ideas and needs to lower the threshold for participation to the event. Send your abstract as a pdf file to: info@protestinstitut.eu.

Download the CfP (pdf, 136 kb)

The conference is supported by the Heinrich Böll Foundation.

 

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  • Das Repertoire an anderen Protest- und Widerstandsmöglichkeiten ist bei Weitem noch nicht ausgereizt. Damit meine ich nicht nur fröhlich-freundliche Straßenproteste, sondern auch zivilen Ungehorsam. Sowohl in Qualität als auch in Quantität ist das Spektrum da noch nicht ausgeschöpft.

    die tageszeitung, 20.9.2021: „Gandhi war auch im Hungerstreik“

    ipb-Forscher Prof. Dr. Dieter Rucht, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
     
 

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