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Bottom-Up Urbanism – Konzeptualisierungen und Fallstricke

Am 20.7.2018 fand die Veranstaltung „Bottom-Up Urbanism – Popular Problem-Solving in Times of Austerity and Gridlock“ in Berlin statt. Für diese hatten der AK Stadt/Raum des IPB und das Center for Metropolitan Studies (CMS) der Technischen Universität Frau Prof. Dr. Hilary Silver (Brown University/George Washington University) gewinnen können.

Hilary Silver erläuterte, dass städtische Politiken „von unten“ – d.h. solche, bei denen die Bürger*innen nicht auf Lösungen „der Politik“ warten oder diese vom Staat einfordern, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen – gegenwärtig Bedeutungszuwachs erhielten. Denn Neoliberalisierungsprozesse beförderten sowohl Austeritätspolitiken, mithin Einsparungen im Bereich lokaler Infrastrukturen, als auch market failure. Zudem münde die Polarisierung des Zweiparteiensystems der USA immer häufiger im gridlock, d.h. im politischen Stillstand. In der Folge suchten Stadtbewohner*innen zunehmend nach Lösungen, die Hilary Silver als pragmatisch, überparteilich und unideologisch kennzeichnete. Trotz zahlreicher, aus der Bewegungsforschung bekannter Barrieren und Probleme (z.B. Kooptierung oder NIMBY) überwinde diese Form des problem-solving oft erfolgreich Verwaltungsbezirke, Parteilinien oder Schichtzugehörigkeiten der Betroffenen. Beispiele seien Bewohner*innen, die lokales Wissen über Krankheiten mit wissenschaftlicher Expertise zusammenbrächten, um die Qualität der Wasserversorgung zu verbessern. Andere Bürger*innen würden sich zu Bürgerwehren zusammenschließen oder gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen die Regionalbahn verlängern, um ihre substantiellen Probleme zu lösen. Bottom-up politics kämen demnach auch auf städtischer Ebene in allen Politikfeldern vor. Hilary Silver betonte dabei win-win-Situationen: Arme und Reiche profitierten gleichermaßen, da z.B. alle das gleiche Wasser tränken oder Reiche in die Stadt pendelten, während Arme mit derselben Bahn in die Gegenrichtung zu ihrer Arbeit führen.

In Anschluss an den Vortrag ergänzte ein sehr interdisziplinäres und internationales Publikum Beispiele für einen bottom-up urbanism aus aller Welt. Diese entstammten nicht zufällig insbesondere zwei Feldern: Einerseits ging es um informelle Siedlungen wie Slums und andere Bereiche, in denen sich der Staat aus der Daseinsvorsorge für bestimmte Gruppen herauszieht (wie z.B. im Falle der Versorgung illegalisierter und/oder partiell aus den Sozialsystemen ausgeschlossener Migrant*innen). Andererseits standen die LOHAS, also der gesundheits- und umweltbewusste Lebensstil der urbanen Mittelschicht im Mittelpunkt (z.B. beim Berliner community gardening, beim dortigen Bau von Insektenhotels gegen das Bienensterben oder der Wissenssammlung für Radentscheide). Dementsprechend drehte sich die Diskussion insbesondere darum, wie Macht in die Analyse integrierbar ist und das Konzept der bottom-up politics von der „Selbsthilfe“, mit ihren bekannten Machteffekten (z.B. ungleich verteilte Ressourcen und Zugänge oder Übernahme staatlicher Aufgaben) abgegrenzt werden kann. Gewarnt wurde insbesondere vor einer normativen Aufladung des Konzepts, da ein Zelebrieren von privaten Lösungen und die Absage an Bewegungen, die den Staat adressieren, entpolitisierend wirke. Schließlich erhielten viele der diskutierten Beispiele ihr Potential zur Transformation der Gesellschaft nicht allein aus der oft dringlichen, aber kleinteiligen Selbst- und Nothilfe (z.B. Bienenhotels bauen, Generieren von Wissen über die Verkehrssituation, Bereitstellen von Booten für die Seenotrettung oder Übernachtungsplätzen für obdachlose Migrant*innen). Vielmehr sei es auch und gerade die gezielte Politisierung der Missstände (z.B. qua Demonstrationen, Besetzungen oder Volksentscheiden), inklusive der Prekarität des diesbezüglichen Ehrenamtes (z.B. unter dem Motto des Berliner Medibüros „Es ist uns keine Ehre!“), die ein progressives Veränderungspotential berge.

Es stellte sich die Frage, wie die gelebten Solidaritäten einerseits und die öffentliche Politisierung andererseits unter den Bedingungen einer fortschreitenden Neoliberalisierung – künftig besser –zusammenkommen können. Angesichts des wunderbaren Wetters konnten wir dies und viel mehr bei Speis und Trank am Abend auf der Spree andiskutieren. Doch der AK Stadt/Raum will diese Problemstellung künftig vertiefen – neue Mitstreiter*innen sind dabei herzlich willkommen und aufgerufen, z.B. auf dem nächsten Arbeitstreffen im Anschluss an die IPB-Jahrestagung „Der Kontext lokaler Proteste“ am 09. und 10. November 2018 hinzuzustoßen.

 

Photo by NeONBRAND on Unsplash

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