2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Roland Roth und Dieter Rucht erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1, S. 98-104. Roland Roth und Dieter Rucht sind Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.


 

Wir leben in turbulenten Zeiten. Das gilt besonders für die Präsenz sozialer Bewegungen im öffentlichen Raum. So viel Bewegung war – national wie international – vermutlich nie, wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken (vgl. Rucht/Teune 2017; Roth 2018). Die Vielfalt der Themen und Formen des Protests ist ebenso unübersehbar wie seine Veralltäglichung und Normalisierung. Digitale Kommunikation hat diesen Aufschwung sicherlich beschleunigt; gleichzeitig scheinen die Mobilisierungen instabiler und episodischer auszufallen. Gemessen an den klassischen Leitbildern der alten und neuen sozialen Bewegungen haben wir heute viele Proteste, aber nur wenige soziale Bewegungen, die für eine gewisse Dauer ihr Großthema bearbeiten und es beharrlich mobilisierend auf die Straße bringen.

Die bunte Vielfalt der Proteste sollte zudem nicht vorschnell zur Erfolgsgeschichte stilisiert werden. Die Ergebnisse ‚friedlicher Revolutionen‘, des ‚Arabischen Frühlings‘ oder der Occupy-Bewegung bieten Anlass, die Wirkungen von Protestbewegungen kritisch zu reflektieren. Dennoch scheint gerade auch in den westlichen Demokratien die Aushöhlung der klassischen Volksparteien den Charme von bewegungsförmiger Politik gesteigert zu haben. Ob die ‚Liste Kurz‘ in Österreich, Macrons ‚en marche‘ in Frankreich, Trump in den USA oder die Fünfsterne in Italien – mit einer bewegungsförmigen Selbstpräsentation können heute Regierungsämter erobert werden.

Alles in Bewegung? – jedenfalls nicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb, in dem die Protest- und Bewegungsforschung noch immer randständig ist. Dies ständig zu beklagen, ist müßig, aber beschreibt eine restriktive Rahmenbedingung für eine noch zu entwickelnde Debattenkultur und forschungspolitische Institutionalisierung. Einige klassische Themen haben angesichts der veränderten gesellschaftlichen Situation mehr Aufmerksamkeit verdient, als dies im ‚Handgemenge‘ aktueller Debatten (vgl. die Beiträge von Teune/Ullrich 2018 und Finkbeiner/Schenke 2018 im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 3) möglich ist. Einige wenige damit verknüpfte Themen sollen nachfolgend angesprochen werden.

Engagement und Distanz

Vor dem Hintergrund des bis heute nicht abgeschlossenen Werturteilsstreits bzw. des späteren Positivismusstreits wird auch in der Bewegungsforschung anhaltend über die Wünschbarkeit und Möglichkeit ‚objektiver‘ Analysen gestritten. In Deutschland haben sich BewegungsforscherInnen 1985 im Arbeitskreis „Soziale Bewegungen“ innerhalb der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft zusammengetan. In dieser frühen Phase gab es kaum eine explizite Debatte über das Rollenverständnis der Bewegungsforschung, deren wissenschaftstheoretischer und paradigmatischer Fundierung sowie ihres möglichen Beitrags zu gesellschaftlicher Aufklärung und Problemlösung. Eher implizit fühlten sich die Forschenden allerdings mehr oder weniger eng ihrem bevorzugten Gegenstand, den neuen sozialen Bewegungen, verbunden. Mahnende Kommentierungen blieben nicht aus. Kritisierten die einen, so Michael Greven (1988), politische Voreingenommenheit der Forschung, so forderten andere, so Wolf-Dieter Narr, die „Leidenschaft zur demokratischen Sache“ möge nicht nur die Bewegungen selbst, sondern auch diejenigen „ein stückweit mittragen, die sich an deren forschende Vermittlung gemacht haben“ (Narr 1995: 89).

Mit dem bald einsetzenden Professionalisierungsschub der Bewegungsforschung gewann eine stärker analytische und empirisch gesättigte, teilweise auch quantitativ ausgerichtete Forschungslinie an Gewicht. Ein wichtiger Katalysator für diesen Trend war die 1988 eingeleitete institutionelle Verankerung von Bewegungsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin. In der entsprechenden Forschungsabteilung gab es allerdings keine einheitliche Linie hinsichtlich der Werturteilsfrage. Eher dem positivistischen Ideal zugewandte ForscherInnen arbeiteten Hand in Hand mit sich – wenngleich nur zurückhaltend – politisch positionierenden KollegInnen. Gleiches galt wohl auch für die weitere Community von organisierten und nicht organisierten ForscherInnen. Die Mehrzahl der BewegungsforscherInnen in Deutschland – und dies trifft auch auf etliche andere Länder in Europa zu – hatte oder hat eine biografische Verbindung zur ‚progressiven‘ Bewegungspraxis, was eine kleine Befragung von einschlägigen AutorInnen (Rucht 2016), aber auch unsere Kenntnis des Feldes nahelegt. Etliche BewegungswissenschaftlerInnen waren oder sind in zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv; sie unterstützen einzelne Kampagnen, aber fast niemand von ihnen exponiert sich in einer politischen Partei.

Die lange im Halbschlaf befindliche Diskussion um eine sich politisch verstehende Bewegungsforschung hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. In den neueren Debatten wird allerdings kaum an ältere Arbeiten angeknüpft, für die eine normative Positionierung essentiell war, darunter Studien zur Bürgerrechtsbewegung, zu städtischen Bewegungen, zu ‚community organizing‘, zu ‚poor people’s movements‘, ganz abgesehen vom Spektrum marxistischer Ansätze. Vielmehr hat sich die Diskussion auf epistomologisches, forschungsethisches und methodisches Terrain, hier insbesondere mit Bezug auf die Aktionsforschung, verlagert. Vor allem jüngere AutorInnen, z.B. Mayo Fuster Morell, Laurence Cox, Graeme Chesters, Anne de Jong und Alissa Starodub, fordern eine politische Parteinahme für und eine enge Kooperation mit (linken) AktivistInnen ein. In diese Richtung weisen auch die Plädoyers für ‚engaged scholarship‘, die mit unterschiedlichen Akzenten und Positionen vor allem in der Fachzeitschrift Social Movement Studies geführt wurden.[i] Auch die Veröffentlichungen der aktuellen Bewegungsforschung, sei sie nun distanziert oder engagiert, werden sich letztlich daran bewähren müssen, ob sie zum Verständnis gegenwärtiger Proteste beitragen.

In jedem Fall gilt: Die bequemen Zeiten sind schon länger vorbei, in denen man sich mit einem guten Gefühl der Nähe zu den neuen sozialen Bewegungen vergewissern konnte, weil Letztere eine progressive Agenda für eine nachkapitalistische Zukunft zu verkörpern schienen – erinnert sei an André Gorz „Wege ins Paradies“ von 1983. Aus den damals kursierenden Hoffnungen (so auch bei Alain Touraine) auf eine übergreifende gesellschaftsgestaltende Bewegung ist nichts geworden. Wer sich mit den Bewegungen von heute insgesamt identifizieren wollte, müsste mit der Einweisung in die Psychiatrie rechnen. Im Bewegungssektor tummeln sich progressive wie reaktionäre Akteure; neben einer pragmatischen Interessenpolitik, die sich auch des Protests bedient, finden sich verstärkt Mobilisierungen, die erneut die Sehnsucht nach völkischer Größe und autoritärer Führerschaft verkörpern. Vieles präsentiert sich widersprüchlich. Die Protestszene war zwar stets bunt und facettenreich, aber selten so zerklüftet wie heutzutage. Wer unter diesen Umständen Bewegungsnähe in der Protestforschung einfordert, gerät in ein Labyrinth partikularer Loyalitäten. Die Nähe zur einen Protestmobilisierung ist notwendig mit der Distanzierung von anderen Protesten verbunden. Eine sich selbst als kritisch und engagiert verstehende Wissenschaft ist deshalb mehr denn je gefordert, ihre eigenen normativen Maßstäbe darzulegen und zu reflektieren. Eine in erster Linie staats- und kapitalismuskritische Selbstverortung – wie sie in der „public sociology“ in der Tradition von Michael Burawoy (2005) angemahnt wird – genügt dabei nicht, weil sich ein rundum positiver Bezug auf die Zivilgesellschaft angesichts ihrer anwachsenden ‚dunklen Seiten‘ verbietet (vgl. Neidhardt 2017). Demokratie und Menschenrechte können noch immer als vertretbare Leitwerte einer engagierten Forschung ins Spiel gebracht werden. Aber orientierend wirken sie erst, wenn ihr utopischer Gehalt gewahrt wird und damit entsprechende Forderungen aus sozialen Bewegungen Resonanz finden können. Welche Bezüge auch immer in den Vordergrund geholt werden: eine neutrale Haltung zu Protesten kann es nicht geben. Es ist geboten, diesen Zwang zur Positionierung reflexiv aufzugreifen, ohne professionelle Standards des wissenschaftlichen Handwerks (wozu wir nicht das Wertfreiheitspostulat rechnen) zu verletzen.

„Adaequatio rei et intellectus“

Bereits im Mittelalter formulierte Thomas von Aquin als Erkenntnisideal, dass – in moderner Fassung – der Untersuchungsgegenstand und die gewählten Analysemethoden zusammenpassen müssen, wenn wahre Aussagen erzeugt werden sollen. Für die Bewegungsforschung, die es ja mit einem besonders heterogenen Forschungsobjekt zu tun hat, war und ist dies stets eine Herausforderung. Die Vielfalt der in den letzten Jahrzehnten erprobten methodischen Ansätze ist beachtlich. In der Summe wird der Versuch deutlich, unterschiedlichen Ausprägungen der Bewegungspraxis jeweils Rechnung zu tragen: sei es, indem ihre gesellschaftlichen Alternativen und ihre präfigurative Praxis in den Fokus gerückt werden (vgl. Zajak 2018), indem – wie im Ressourcenmobilisierungsansatz – die Dynamik von Protestbewegungen als Form organisierten und strategischen Handelns analysiert wird oder die postmaterialistischen, libertären und kulturellen Praktiken betont werden, wie dies Alberto Melucci in seinen „Altri Codici“ (1984) unternommen hat.

Schon diese inzwischen als klassisch zu bezeichnenden Zugänge haben sich nicht einfach zusammenfügen lassen, vom aktuellen Methodenpotpourri ganz zu schweigen. Dass die gegenwärtige Protestlandschaft weitere methodische Herausforderungen mit sich bringt, ist unübersehbar. Können die rechtspopulistischen Proteste von „Pegida“ mit dem gleichen Instrumentarium untersucht werden wie progressive Massenproteste vom Typus „#unteilbar“? Responsive, direkt am beforschten Objekt ansetzende, ihnen eine Stimme gebende Instrumente wie zum Beispiel die Befragung von DemonstrationsteilnehmerInnen geraten nicht nur an Akzeptanzgrenzen, wie die Fälle von „Pegida“ und der Hamburger Demonstration unter dem Motto „We’ll come united“ vom September 2018 zeigten. Da Zeit und Geld im Forschungsprozess eine wichtige Rolle spielen, wird oft auf die am wenigsten aufwändige Methode zurückgegriffen – etwa Gespräche mit „Führungspersonen“ oder „SprecherInnen“ von Bewegungen, obwohl bekanntlich im ‚Fußvolk‘ ganz andere Vorstellungen präsent sein können und die Sprecherrolle zuweilen eine mediale Erfindung darstellt. Methodische Einschränkungen sind zwar unvermeidlich, aber es ist offensichtlich schwierig, sie in der öffentlichen Kommunikation auf Kosten ‚knackiger‘ Aussagen zu vermitteln.

Historisch folgten viele Deutungen von Protesten dem Elite/Masse-Schema: Intellektuelle Eliten und staatlichen Instanzen interpretierten die Massenbewegungen ihrer Zeit. Mit den neuen sozialen Bewegungen hatte sich seit den 1970er Jahren eine Intellektualisierung der Aktiven vollzogen, die eine partizipative Forschungsperspektive angemessen erscheinen ließen, schließlich kamen Engagierte und Forschende aus ähnlichen Milieus (gelegentliche Rollenwechsel inklusive). Auch wenn diese Milieunähe heute nur noch für einen kleineren Ausschnitt des Protestgeschehens gegeben ist, bleibt die Herausforderung, forschend so nahe am ‚Objekt‘ zu sein, dass gehaltvolle Aussagen und Rückmeldungen möglich sind, und gleichzeitig so viel Distanz zu wahren, dass wissenschaftliche Praxis zusätzliche Erkenntnisgewinne erbringen kann. Der Beifall von AktivistInnen für bestimmte Deutungsangebote aus der Wissenschaft kann jedenfalls nicht als Gütekriterium für die Richtigkeit eigener Forschung reklamiert werden, wie dies etwa Werner Patzelt im Zusammenhang mit seinen Analysen von „Pegida“ meinte.[ii] Eine derartige Forschung liefe darauf hinaus, die Selbstinterpretationen von AktivistInnen lediglich zu verdoppeln. Die selbstgewisse Ausdeutung von Aussagen, die Protestierende in Gesprächen geäußert haben, kann sich weniger denn je auf intersubjektive Gewissheiten stützen und läuft Gefahr, dem Protestgeschehen und dem Selbstverständnis seiner Akteure eigentümlich fremd zu bleiben.

Auftragsforschung und wissenschaftliche Unabhängigkeit

Unterliegt bereits der akademische Normalbetrieb bekanntlich vielfältigen Restriktionen, etwa knappe Mitteln, unsichere Karriereplanung, befristete Anstellung und personelle Fluktuation, so steht die in Deutschland schwach institutionalisierte Bewegungsforschung vor besonderen Herausforderungen:

  • Die wichtigste ist vermutlich das Fehlen einer gesellschaftlichen Dauerbeobachtung. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) war es gelungen mit der Protestereignisanalyse im Rahmen des Prodat-Projekts einen solchen Ansatz für die Nachkriegszeit zu schaffen, der aber nur sehr eingeschränkt fortgeführt werden konnte; die Protestchronik von Wolfgang Kraushaar ist (bislang) in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten stecken geblieben; die von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Forschungen zu „Deutschen Zuständen“ mussten nach einer Dekade abgebrochen werden. Seit den 1980er Jahren kam keine halbwegs repräsentative Studie über Bürgerinitiativen mehr zustande, obwohl letztere präsenter denn je sind. Damit fehlen wichtige Analysefolien, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Protestgeschehen geht. Protestforschung gerät so in den Sog ihres Gegenstands: sie wird selektiv, abhängig von modischen Themenkonjunkturen und medialer Aufmerksamkeit.
  • Mit dem Rückgriff auf außeruniversitäre Fördermittel wachsen die direkten und indirekten Abhängigkeiten von aktuellen und potentiellen Auftraggebern. Meist handelt es sich bei der Protestforschung um Mittel der öffentlichen Hand. Dies ist selbst bei der Mehrzahl der Stiftungen, vor allem der politischen Stiftungen, der Fall. Eine unabhängige Finanzierung durch die Zivilgesellschaft als Alternative kann angesichts der besonderen Staatsnähe von Teilen der deutschen Zivilgesellschaft nur in Ausnahmefällen gelingen. Dennoch ist die allgemeine Rede von der Staatsabhängigkeit der Protestforschung unzulänglich und von einem naiven Staatsverständnis geprägt. Mit Marx, Poulantzas und Hirsch ist daran zu erinnern, dass Staat nicht als homogener Block, sondern sinnvoll nur als Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse gedacht werden kann. Daraus ergeben sich divergierende Interessen unterschiedlicher öffentlicher Auftraggeber, die für Forschende Handlungsspielräume eröffnen, welche es im Sinne der Wissenschaftsfreiheit zu erweitern und zu nutzen gilt.
  • Diese Spielräume dürften jedoch umso enger ausfallen, je stärker die öffentliche Finanzierung an repressive Funktionen des Staates gekoppelt ist. Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob ein Forschungsvorhaben aus Mitteln des Programms „Demokratie leben!“ des Familienministeriums finanziert wird oder ob es in die Beobachtungsarbeit des Verfassungsschutzes eingebunden ist. Dass es auch dort einen öffentlichen Bereich wissenschaftlicher Analysen gibt, der sich akademischen Standards zu stellen hat, ist davon unbenommen. Eine Bewegungsforschung, die sich allzu sehr in die Nähe des Verfassungsschutzes begibt, vernachlässigt die enormen Folgen der politischen Extremismus-Etikettierung für die potentiell Betroffenen und muss sich über deren Widerstand und über eigene Reputationsschäden nicht wundern. Dass es sich bei den deutschen Verfassungsschutzbehörden nicht um einen Hort gesellschaftlicher (Selbst-)Aufklärung handelt, hat nicht nur der NSU verdeutlicht. Was ist von einer Einrichtung zu halten, deren Präsident in seiner Abschiedsrede im Verschwörungsgestus von „linksradikalen Kräften in der SPD“ faselt?

Interne Diskurse der Bewegungsforschung Die ab den späten 1970er Jahren in Westdeutschland entstandene und lange auf die neuen sozialen Bewegungen fokussierte Forschung sah sich in ihrer Frühphase zwei externen Vorwürfen ausgesetzt. Der erste lautete, sie imaginiere einen nicht existenten Gegenstand. So sprach Stöss (1984) vom „Mythos der neuen sozialen Bewegungen“. Der zweite Vorwurf richtete sich auf die sympathisierende Haltung von WissenschaftlerInnen gegenüber ihrem Gegenstand: „Wo sie (die Bewegungswissenschaft, die Verf.) aus offenkundig sympathisierender politischer Intention ein Auge zudrückt, wird sie in ihrer Wirkung gerade entpolitisiert und steht in der Gefahr, zu einer bloß affirmativen Begleit- und Akzeptanzforschung zu verkümmern, die niemand mehr richtig ernst nimmt“ (Greven 1988: 58). Diese Kritiken wurden mit der evidenten Konsolidierung neuer sozialer Bewegungen und der wachsenden Professionalisierung auch der Bewegungsforschung in Deutschland, die rasch Anschluss an die internationalen Diskussionsstand fand, weitgehend ad acta gelegt.

Die heutigen internen Debatten der Bewegungsforschung konzentrieren sich nach unserer Wahrnehmung vor allem auf folgende drei Aspekte:

  • Methodenprobleme und Methodenadäquanz: Die Verfachlichung der Bewegungsforschung war spätestens seit den 1990er Jahren von einer wachsenden Diversität der Perspektiven sowie der Professionalisierung des methodischen Instrumentariums begleitet. Damit verbunden waren dann auch Debatten über die Angemessenheit und Aussagekraft einzelner Methoden – etwa der Erfassung von Mobilisierungspotentialen aufgrund von teilweise hypothetisch formulierten Items in repräsentativen Bevölkerungsumfragen; der Selektivität von Protestereignisanalysen auf der Basis von Zeitungsberichten; der Repräsentativität von Vor-Ort-Befragungen von Protestierenden; der vorrangigen Erschließung von Bewegungsstrukturen anhand von formalen und großen Organisationen; der Fokussierung auf das spektakuläre Protestgeschehen zu Lasten des Dauerbetriebs von Organisationsund Motivationsarbeit; der Identifizierung anhaltender Forschungslücken, zum Beispiel hinsichtlich der internen Machtstrukturen in Bewegungen oder Prozessen der Demobilisierung.

Diese Kritik war in Teilen berechtigt; sie gehört aber zur Normalität des Forschungsbetriebs und ist insoweit nicht feldspezifisch. In ihrer Summe führte sie zu einer graduellen Verbesserung theoretischer wie empirischer Instrumente, ohne dass ein Abschluss dieser Entwicklung abzusehen wäre.

  • ‚Altbackenheit‘ der ‚etablierten‘ Bewegungsforschung: Die Konsolidierung einzelner Perspektiven und Paradigmen innerhalb der Bewegungsforschung und deren vorrangige Repräsentation durch inzwischen ergraute ForscherInnen rief verschiedentlich VertreterInnen jüngerer Generationen auf den Plan, die eine Vernachlässigung neuer empirischer Entwicklungen (zum Beispiel der digitalen Kommunikation) oder auch die Notwendigkeit anderer theoretischer Perspektiven und Paradigmen betonten. Bei dem Versuch, die eigene Originalität herauszukehren, wurde gelegentlich der tatsächliche Stand der Forschung stark vereinfacht, wenn nicht sogar verzerrt. Auf diese Weise positionierten sich zum Beispiel der Ressourcenmobilisierungsansatz in den 1980er Jahren und Vertreter des cultural turn in den 1990er Jahren in den USA gegenüber einem angeblich dominanten, aber einäugigen Mainstream bisheriger Bewegungswissenschaft. Ein aktuelles Beispiel für dieses Verhaltensmuster im deutschen Sprachraum ist das Plädoyer für eine poststrukturalistische Bewegungsforschung: „Etablierte Forschungsansätze“ würden einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes nicht erfassen, so „beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretischen Analyseperspektive, …wie auch die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (Leinius/Vey/Hagemann 2017: 6). Diese Kritik, so unser Eindruck, kann nur in Unkenntnis etlicher vorliegender Arbeiten formuliert werden, denkt man etwa, auf Deutschland bezogen, an AutorInnen wie Joachim Raschke, Joachim Hirsch, Roland Roth, Margit Mayer und Ulrich Brand.
  • Politische Positionierung: Ein drittes Thema aktueller forschungsinterner Debatten ist die (wiedergekehrte) Frage der gebotenen oder schädlichen politischen Positionierung der Forschenden zu ihrem Gegenstand soziale Bewegungen und, damit teilweise verbunden, die Interessenbindung der Forschenden an ihre Geldgeber. Diese Debatte hat durch die Publikation der Berliner Autoren Teune/Ullrich (2018), die darauf folgende Replik Göttinger Autoren (Finkbeiner/Schenke 2018) und weiterführende Überlegungen von Scholl (2018) an Konturen gewonnen. Darauf einzugehen, würde den Rahmen unseres kleinen Beitrags sprengen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Feld der Bewegungsforschung in einem doppelten Sinne in Bewegung ist. Einerseits ist es hochgradig dynamisch, so dass es schwer fällt, einen konsolidierten und auf absehbare Zeit gültigen Wissensstand gleichsam in Lehrbuchform zu präsentieren. Andererseits ist die Bewegungsforschung auch in dem Sinne bewegt, als sie Kontroversen ausficht, das Thema „engaged scholarship“ intensiv diskutiert und sich zudem in Teilen selbst bewegungsähnlich organisiert. Parallel und ergänzend zu den etablierten Formen der akademischen und teilweise hierarchisierten Wissensproduktion bilden sich dezentrale, nur lose vernetzte und horizontale Strukturen heraus. Diese Art von Bewegungsforschung weist in ihrem Rollenverständnis insofern Merkmale von public sociology auf, als sie gesellschaftliche und politische Missstände aufgreifen und ihre Befunde auch in die Öffentlichkeit tragen will, ohne deshalb schon den Mund so voll zu nehmen, wie es bei der public sociology im Sinne Burawoys anklingt.[iii]

Literatur

Burawoy, Michael 2005: For Public Sociology. In: American Sociological Review, Vol. 70, 4-28.

Finkbeiner, Florian/Schenke, Julian 2018: Der Aktivist als „besserer“ Forscher? Göttinger Antwort auf Berliner Kritik. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3, 93-97. Greven, Michael Th. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 1, Heft 4, 51-60.

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017:  Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

Melucci, Alberto (Hg.) 1984: Altri Codici. Aree di movimento nella metropoli. Bologna: Il Mulino.

Müller, Hans-Peter 2017: Die Grenzen der Soziologie. In: Aulenbacher, Brigitte et al. (Hg.), Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Campus, 113-118.

Narr, Wolf-Dieter 1995. Zwischen Profession und Bewegung: 10 Jahre Arbeitskreis Soziale Bewegungen. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 8, Heft 1, 82-89.

Neidhardt, Friedhelm 2017. „Public Sociology“ – Burawoy-Hype und linkes Projekt. In: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 27, 303-317.

Roth, Roland 2018: Eine neue Generation von Protesten? Ein Literaturbericht. In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, Jg. 12, Heft 2, 429-452.

Rucht, Dieter 2016. Conclusions. Social Movement Studies in Europe: Achievements, Gaps and Challenges. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.), Social Movement Studies in Europe: The State of the Art. New York and Oxford: Berghahn, 456-487.

Rucht, Dieter/Teune, Simon 2017: Einleitung: Das Protestgeschehen in der Bundesrepublik seit den 1980er Jahren zwischen Kontinuität und Wandel. In: Daphi, Priska/ Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel der Bedingungen, Formen und Effekten des politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Nomos: Baden-Baden, 9-33.

Scholl, Armin 2018: Das Selbstverständnis der Bewegungsforschung im Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Versuch einer Weiterführung der Debatte. https://soziologieblog.hypotheses.org/12318 [07.01.2019].

Stöss, Richard 1984: Vom Mythos der ‚neuen sozialen Bewegungen‘. Neun Thesen und ein Exkurs zum Elend der NSB-Forschung. In: Falter, Jürgen W./Fenner, Christian/Greven, Michael (Hg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 548-565.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischem Auftrag. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 31. Jg., Heft 1-2, 418-424.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31. Jg., Heft 4, 98-105.

 

 

[i]  Siehe insbesondere einzelne Beiträge in den Heften 2/2012 und 2/2013.

[ii]  So Patzelt bei einer Veranstaltung unter dem Titel „PEGIDA: Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende“-Enttäuschung?“ am 30. November 2015 in der Kapelle des Dresdener Residenzschlosses.

[iii] Sie dazu die kritischen Anmerkungen von Müller (2017) und Neidhardt (2017).

 

Photo by History in HD on Unsplash (MLK in the March on Washington for Jobs and Freedom, in Washington, D.C. on Wednesday, August 28, 1963)

 

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