Der ipb Arbeitskreis „Poststrukturalistische Perspektiven auf Soziale Bewegungen“ besteht seit 2015. Im Rahmen der AK diskutieren die Mitglieder, wie soziale Bewegungen vor dem Hintergrund eines komplexen sozialtheoretischen Modells analysiert werden können, wobei der Schwerpunkt auf poststrukturalistischen Perspektiven liegt.
Seit 2025 wird der AK als DFG-Netzwerk „Poststrukturalistische Protest- und Bewegungsforschung: Ein multiperspektivischer Analyseansatz (POPMAP)“ fortgeführt. In diesem DFG-Netzwerk arbeiten Forscherinnen aus verschiedenen Disziplinen, die alle das gemeinsame Ziel haben, soziale Bewegungen besser zu verstehen – besser auch in der Hoffnung, die Akteurinnen progressiver Bewegungen mit unseren Erkenntnissen zu unterstützen.
Eine erste Annäherung an diesen Forschungsfeld führt zu folgenden Fragen, Interessen und Gedanken:
„Schon während meiner Promotion vor fünfzehn Jahren war es mir ein zentrales Anliegen, poststrukturalistische Perspektiven stärker in die Bewegungsforschung zu integrieren. Ich habe daher 2015 gemeinsam mit Kolleginnen den Arbeitskreis ‚Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen‘ gegründet. Aus diesem Arbeitskreis sind ein Grundlagenartikel, ein Handbuch mit verschiedenen Ansätzen, Methoden und Forschungspraxen einer poststrukturalistischen Bewegungsforschung und ein DFG-Antrag zur Förderung eines Netzwerks zu dieser Thematik hervorgegangen. Ich bin daher begeistert, dass wir nun die Möglichkeit haben, in einer Gruppe von 20 herausragenden Wissenschaftlerinnen mit ganz verschiedenen disziplinären, theoretischen und empirischen Hintergründen in den nächsten drei Jahren einen eigenständigen, multiperspektivischen Analyseansatz zu entwickeln. Auf diese Weise können wir den Theorie- und Methoden-Kanon in der Bewegungsforschung systematisch um poststrukturalistische Ansätze weiterentwickeln.“ —- Judith Vey
„Soziale Bewegungen sind Ausdruck ‚des Politischen‘ in der Stadt und Gesellschaft. Im Netzwerk bringe ich eine kritische, theoriegeleitete Analyse sozialer Bewegungen durch eine interdisziplinäre Perspektive aus Kultur- und Humangeographie, Stadtsoziologie und politischer Theorie mit ein. Ich möchte hegemonie- und konflikttheoretische Perspektiven auf die Organisation sozialer Bewegungen weiter ausbauen und damit auch insbesondere intersektionale Theorien einbeziehen.“ —- Friederike Landau-Donnelly
„Mich beschäftigen seit unserem ersten Treffen viele Fragen. Wie kann die Protest- und Bewegungsforschung im deutschsprachigen Raum von feministischer und dekolonialer Theorie und Praxis lernen? Etwa im Hinblick auf die gewaltsame Trennung von ‚öffentlich‘ und ‚privat‘, auf das verschlungene und machtdurchzogene Verhältnis von Forscher*innen und Forschungsgegenständen? Oder auch darauf, was Protest und Bewegung in autoritären, faschistischen und militaristischen Konjunkturen bedeutet? Wie kann angesichts globaler imperialer Verstrickungen europäischer Protest- und Bewegungsformen Europa dezentriert und der eurozentrische Blick verlernt werden? Mit wem müssen wir dazu ins Gespräch gehen, wie können wir zuhören lernen – warum ist das wichtig, was riskieren wir dabei? Was müssen wir dazu zunächst über die (Macht-)Geschichte der Protest- und Bewegungsforschung im deutschsprachigen Raum lernen? Welche Rolle spielen hierbei kritische Studien mit kleinem k – z.B. die Cultural Studies, Science and Technology Studies, Queer Theory, Critical Disability Studies, post- und dekoloniale Theorie, Black Studies? Und wie stehen sie zueinander und verbinden sich?“ —- Céline Barry
„Neben der Zivilgesellschaft sind soziale Bewegungen, in meinen Augen, die Orte für politische Interessenvertretung und Partizipation. Angesichts von Rechtsruck, niedriger Wahlbeteiligung, Nachwuchssorgen von Vereinen und geringerer finanzieller Ausstattung frage ich mich, wie Deliberation (weiterhin) gewährleistet werden kann. Mein Eindruck ist, dass die repräsentative Demokratie für viele Steuerungsprobleme von Gesellschaften sinnvolle Lösungen bereithält. Gleichzeitig signalisieren Proteste, sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen und die zunehmende Erosion sozialen Zusammenhalts – oder zumindest der tradierten Vorstellung davon – für mich auch, dass politische Artikulation und Politisierung, Zuversicht und Engagement oder Identifikation sich in andere, teils unbekannte Räume verlagern. Diese Prozesse des Wandels möchte ich verstehen und mehr über diese womöglich neuen Orte lernen. Denn sie sind es vielleicht, die auch in Zukunft Repräsentation für pluralistische Gesellschaften schaffen.“ —- Antonia Graf
„Wie erkennen, beschreiben und analysieren wir soziale Bewegungen abseits von Institutionen? Eine Reflexion von mobility – von Mobilisierung und Bewegtheit, im körperlichen wie im affektiven Sinne – kann aufmerksam machen für all das, was an politisch motivierter Aktivität außerhalb der Szenen einer bürgerlichen Öffentlichkeit passiert: Was nicht in symbolischen Versammlungen wie Demos eine Macht der großen Zahl vorführt, sondern auf verteilte Prozesse setzt, die sich jeweils von Einigen an Einige mitteilen. Was die Körper nicht primär als Zeichenträger begreift, sondern deren Wünsche und Fähigkeiten anspricht, etwas vom besseren Leben vorwegzunehmen. Und was auch nicht unbedingt die Form von Protest annimmt, sich nicht vornehmlich durch ein Dagegen definiert, sondern auf der Spur eines Abweichens, eines Vernachlässigens, eines Vorziehens von Alternativen.“ —- Kai van Eikels
„Mich interessiert an unserem Netzwerk (mindestens) zweierlei: Erstens will ich gerne besser verstehen, was es bedeutet, wie Politik jenseits von Institutionen, aber auch, wie das Zusammenspiel bzw. der Antagonismus zwischen der nicht- institutionellen Politik und der institutionalisierten Politik funktioniert. Zum anderen möchte ich diskutieren, welche Potenziale speziell im poststrukturalistischen Denken liegen, um diese Prozesse zu analysieren. ‚Poststrukturalistisch‘ bedeutet ja nicht: ‚un-‘ oder ‚anti-strukturalistisch‘. Es bedeutet aber, die Fluidität, Instabilität, Unabschließbarkeit, Kontingenz und Machtdurchdrungenheit von Strukturen besser in den Blick zu nehmen. Soziale Bewegungen können als Kräfte verstanden werden, die die Gewordenheit und Wandelbarkeit von sozialen wie von Sinnstrukturen zum Thema machen. Insofern liegt es m.E. nahe, über sie auch poststrukturalistisch nachzudenken und sie poststrukturalistisch zu analysieren. Nur: Was das genau heißt, wird eben zu erörtern sein.“ —- Martin Nonhoff
„Mich interessieren an sozialen Bewegungen im Kontext poststrukturalistischer Ansätze insbesondere die Rolle sozialräumlicher Dimensionen sowie die Bedeutung von Emotionen und Symboliken. Dabei stellt sich für mich die Frage, welche Aspekte bislang oft unsichtbar bleiben, jedoch maßgeblich das (Nicht-)Entstehen, die Entwicklung oder das Ende sozialer Bewegungen beeinflussen. Welche Rolle spielt beispielsweise die urbane Infrastruktur, das Vorhandensein lokaler Begegnungsräume oder ein gemeinsamer Bezug zur Stadtgesellschaft? Welche Begriffe werden zu Symbolen, welche Metaphern prägen eine Bewegung oder führen zu internen wie externen Konflikten – und wie wandeln sich diese Symbole im Verlauf sozialer Auseinandersetzungen? Grundsätzlich interessiert mich zudem, wie ein enger Dialog zwischen empirischer Sozialforschung und poststrukturalistischen Konzepten gestaltet werden kann. Inwiefern lässt sich die poststrukturalistische Bewegungsforschung konkret für empirische Analysen nutzbar machen, und welche Disziplinen – etwa die Science and Technology Studies (STS) – bieten hierbei vielversprechende theoretische und methodische Anknüpfungspunkte?“ —- Maria Ullrich
„Ich interessiere mich für soziale Alltagspraxen und deren Bedeutung für das Politische, welche nicht nur als antagonistische Momente des disruptiven Bruchs, als Artikulation von Dissens, sondern auch über die (performative) (Re-)Produktion gesellschaftlicher Normalität wirksam werden. Intersektional-feministische und hegemonietheoretische Perspektiven können aus meiner Sicht dazu beitragen, bei der Entwicklung eines poststrukturalistischen, multiperspektivischen Analyseansatzes die Politisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse in/durch Alltagspraxen in ihrer Widersprüchlichkeit in den Blick zu nehmen. Vielleicht gelingt es darüber beispielsweise auch (besser) zu verstehen, wie es rechten Bewegungen gelungen ist, ihre politische Agenda gesellschaftlich zu normalisieren?“ —- Madeleine Sauer
„Bewegungen und Proteste richten sich (naturgemäß) oft gegen etwas: bestimmte Akteure, Organisationen, ‚die Politik‘ – eben Teile der Gesellschaft. Sie erscheinen damit häufig irgendwie als das Andere (Kritische, Utopische, Experimentelle, Neue). Um aber zu verstehen, welche Form dieses Gegen genau annimmt, ist es auch produktiv, den Blick einmal umzukehren: was von der Gesellschaft steckt in den Bewegungen und Protesten abseits des Dagegen? Welche unhinterfragten Annahmen, Problematisierungsweisen oder spezifischen Subjektivitäten ihres diskursiven Kontextes und Handlungskontextes prägen Protest? Inwiefern kann Protest als Ausdruck von Sozialität auch als Indikator für Konstitutionsbedingungen der Gesellschaft verstanden werden und (empirisch konkret) sogar zur Reproduktion oder dem Vorantreiben beispielsweise gesellschaftlicher Normalitätsvorstellung beitragen?“ —- Peter Ullrich
„Vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Perspektiven auf soziale Bewegungen interessiere ich mich für die Ambivalenzen und Bedingungen politischer Kollektivierungen, da sie zugleich progressive wie auch regressive Politiken ermöglichen können. Mich beschäftigt die Frage, welche spezifischen Prozesse in solchen Kollektivierungen wirksam werden, also welche Bedingungen und Interessen, Wünsche, Erfahrungen, Resonanzen oder Bedürfnisse darin eine Rolle spielen. Mein besonderer Fokus liegt dabei zum einen auf Affekten und Emotionen wie Liebe, Angst oder Hass, zum anderen auf den medialen Infrastrukturen, die solche Dynamiken ermöglichen oder verstärken. Aktuell interessieren mich insbesondere der Rechtspopulismus sowie unterschiedliche Bewegungen (Klimaaktivismus, Gartenprojekte), die an der sozial-ökologischen Transformation beteiligt sind.“ —- Christian Helge Peters
„Mich interessieren am Netzwerk neben vielen faszinierenden wissenschaftlichen Spezialfragen auch zwei sehr pragmatische Dinge: 1. Kann es uns gelingen, die Einstiegshürden der von uns repräsentierten Analyseansätze so weit zu reduzieren, dass möglichst viele Menschen diese Werkzeuge nutzen und erste Schritte mit ihnen gehen können? Ich denke da auch an Studierende, die in ihren ersten Seminar- und Abschlussarbeiten ermächtigt werden können. 2. Ist es denkbar, die verschiedenen versammelten Ansätze, Schwerpunkte und Perspektiven als eine Art modulares System zu verstehen, das man in wissenschaftlichen Projekten je nach Bedürfnis miteinander kombinieren könnte? Auch hier sind die Frage der Einstiegshürde und der Werkzeugcharakter meines Erachtens entscheidend, weil nur ‚einfach‘ verfügbare Werkzeuge gerade bei explorativen Projekten in größerer Menge anwendbar sind.“ —- Ingmar Hagemann
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