Angemeldete Demos und Kundgebungen, so eine Quintessenz des Forschers, kämen an ihre Grenzen, wenn starke Kräfte dagegen stehen. Ziviler Ungehorsam als Protestform werde erst gewählt, wo andere Mittel sich als unwirksam erwiesen hätten: „Das kann man bei der ‚Letzten Generation‘ geradezu lehrbuchhaft verfolgen.“
Leipziger Zeitung, 29.6.2023: Erster Prozess gegen Mitglieder der Letzten Generation in Leipzig
Simon Teune (FU Berlin)
Da hat irgendjemand ins Internet geschrieben: »Es wird knallen«, und dann fließt das in die Gefahrenprognosen ein. Dann sagen die Behörden, man rechne mit etwa tausend Gewaltbereiten, die Leipzig in Schutt und Asche legen wollen. Die tatsächliche Situation passte aber gar nicht zu diesen Bildern. Die Zahl der militanten Demonstrantinnen und Demonstranten ist auch viel niedriger. Anschließend wird dann gesagt: Wenn wir nicht so gehandelt hätten, wie wir gehandelt haben, dann wäre das alles passiert.
Kreuzer, 28.6.2023: „Da wird ein Bild von großer Gefährlichkeit aufgebaut“
Nils Schuhmacher (Uni Hamburg)
Die Ziele des zivilen Ungehorsams sind, das Thema in den Medien zu halten, Druck auf die Regierung aufzubauen, aber eben auch, die Drastik der Situation zu verdeutlichen.
Inside Austria, Podcast des Standard, 24.6.2023: Scheitert die letzte Generation?
Antje Daniel (Uni Wien)
„Soziale Mobilisierung braucht immer Antagonismen“, sagt Jannis Grimm. Er leitet die Forschungsgruppe „Radical Politics“ an der FU Berlin. „Hinter diesem Antagonismus lassen sich dann Koalitionen bilden.“
Tagesspiegel, 24.6.2023: Klimaproteste gegen Reiche
Jannis Grimm (FU Berlin)
Im Umgang mit Protesten ist zu beobachten, dass die politischen Räume enger werden. […] „Law and Order“- Politik hat Hochkonjunktur. Dabei verliert der Staat das rechtsstaatliche Maß.
die tageszeitung, 16.6.2023: Am autoritären Kipppunkt
Daniel Mullis (HSFK, mit Maximilian Pichl und Vanessa E. Thompson)
Die Voraussetzungen für einen Landfriedensbruch erfordern gewalttätige Auseinandersetzungen. Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie man diesen Vorwurf gegenüber einer so großen Anzahl von Menschen begründen könnte.
Tagesschau.de, 9.6.2023: Alles unverhältnismäßig?
Clemens Arzt (HWR Berlin)
Moralisch kann man Gewalt fragwürdig finden, aber dass sie nichts bringt, kann man eigentlich nicht behaupten. Dafür gibt es zu viele historische Erfahrungen und Bewegungen, in denen Gewalt nicht allein, aber unter anderen ein Mittel war, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Also Gewalt ist im Verbund mit anderen Dingen oftmals ein Mittel, das auf lange Sicht Fenster geöffnet hat. Es erzeugt Aufmerksamkeit und dadurch gegebenenfalls Räume für Debatten.
Badische Zeitung, 9.6.2023: „Gewalt erzeugt Aufmerksamkeit“
Nils Schuhmacher (Uni Hamburg)
Demokratie ist das Regime der Unruhe und wir müssen uns ein gewisses Maß an Unruhe antun, das aushalten und auch als Chance wahrnehmen, über neue Dinge nachzudenken.
ARD Past Forward, 6.6.2023: Radikal ungehorsam
Jannis Grimm (FU Berlin)
[Der Protest nach dem Urteil gegen Lina E.] war eine lokal begrenzte Sache. Man muss auch sagen, dass vorher das Verbot der Demonstration, die systematische Verhinderung der Mobilisierung zur Demonstration auf den Autobahnen, in den Bahnen auch dazugeführt haben, dass viele Leute abgeschreckt wurden, die vielleicht wirklich demokratische Anliegen hatten.
Phoenix, 5.6.2023: Tagesgespräch mit Oliver Nachtwey
Oliver Nachtwey (Uni Basel)
Der Berliner Protestforscher Simon Teune hält die Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ nicht für eine sektiererische Gruppe. Eine apokalyptische Überhöhung der Klimakrise könne man der „Letzten Generation“ nur vorwerfen, „wenn man den Stand der Wissenschaft nicht zur Kenntnis genommen hat“, sagte Teune in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd, 5.6.2023: Protestforscher: Letzte Generation keine irrationale Bewegung