Die Bevölkerung fragt inzwischen Output-orientiert: Was liefert die Demokratie, ist sie effizient? Worüber wir aber zu wenig sprechen, ist die demokratische Alltagskultur: dass wir etwa im Bus angstlos über die Regierung schimpfen können, dass wir in den Unternehmen auf den Fluren laut über Führungsentscheidungen debattieren oder dass wir Proteste und Petitionen organisieren können. Das sind weithin unterschätzte Faktoren der Lebensqualität. Wie bedeutsam diese Kultur und Freiheit sind, nehmen wir in der Regel nicht mehr wahr.
Die Zeit, 30.6.2026: Wir sind der Staat
Nina Wienkoop (HAW Hamburg)
Wie also sieht er aus, der Weg aus der Demokratie-Krise? Für Geißel ist das klar: „Bürger stärker in die Gestaltungder Demokratie und ihrer Institutionen miteinbeziehen.“
Die Presse, 26.6.2026: Heraus aus der Demokratie-Krise! Nur wie?
Brigitte Geissel (Uni Frankfurt)
Es ist also die Kombination von für sich genommen harmlosen Inhalten mit Chiffren, die auf eine jüdische Weltverschwörung oder die vermeintliche Überlegenheit einer »weißen Rasse« anspielen, die den digitalen Antisemitismus so reichweitenstark und damit so gefährlich macht. Dadurch tragen Plattformen wie TikTok zu einer Dynamik bei, »die sich nicht allein über klassische Faktoren wie politische Zugehörigkeit oder ideologische Überzeugung erklären lässt, sondern bei der die digitale Praxis selbst eine tragende Rolle spielt«.
Jüdische Allgemeine, 23.6.2026: Antisemitismus: Eine neue Studie untersucht den Judenhass auf TikTok
Maik Fielitz (IDZ Jena) mit Wyn Brodersen und Michael Schmidt
Die Forschung, die explizit mit dem Begriff „Faschismus“ operiert, ist anderen Ansätzen überlegen, wenn soziologische Fragen nach dem Wahl- und Mobilisierungsverhalten, nach Kommunikations- und Affekthandeln gestellt werden. Genau hier aber spielt die Musik der erwähnten „Faschisierung“ gesellschaftlicher Verhältnisse – historisch wie gegenwärtig.
Süddeutsche Zeitung, 21.6.2026: Die Faschismus-Debatte ist leider keine linke Nebelkerze
Stefan Lessenich (Frankfurter Institut für Sozialforschung) mit Sven Reichardt
Damals war unter den Protestierern ein nennenswerter Teil von Arbeitslosen auf der Straße – was ungewöhnlich ist. Generell sind die Arbeitslosen strukturell vereinzelt und tun sich selten in größerer Zahl zusammen. […] Es gibt heute keinen großen punktuellen Auslöser, den gab es damals sehr wohl. Man hatte mit der Verabschiedung der Hartz-Gesetze im Sommer 2004 einen ganz konkreten Ansatzpunkt für Protest. Dieser Ansatzpunkt fehlt heute.
die tageszeitung, 21.6.2026: Forscher zu deutschem Protestpotential: „Damals war die Situation günstiger“
Dieter Rucht
Politik sollte weniger auf moralische Appelle setzen und mehr Möglichkeiten bieten, selbst aktiv zu werden. Wer die AfD schwächen will, muss ihr wichtigstes Angebot kopieren: das Gefühl, nicht ohnmächtig zu sein. Es braucht echte Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Wer erlebt, dass eigenes Handeln etwas verändert, wird weniger anfällig für autoritäre Versprechen. […] Vereine, Nachbarschaftsprojekte, Bürgerforen, lokale Initiativen. Menschen müssen erleben, dass sie zum Gelingen von etwas beitragen können. Genau dort muss Demokratie ansetzen.
Der Spiegel, 19.6.2026: Was hilft wirklich gegen die Rechtsextremen?
Matthias Quent (Ernst-Abbe-Hochschule Jena)
Protest, der lautstark ist, disruptiv ist, ist glaube ich immer legitim, solange er friedlich bleibt. Das ist ein Teil unserer streitbaren Demokratie. Und Demokratie bedeutet auch Streit, solange der Streit zivil ausgetragen wird. Es ist nichts Überraschendes, dass wir bei diesen organisierten Parteitagen der AfD mit lautem, massiven Widerstand auf der Straße zu rechnen haben.
mdr Fakt ist!, 10.6.2026: Linker Protest gegen rechte Politik
Piotr Kocyba (Uni Leipzig)
Als entscheidende Zäsur machte Leistner den ersten Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2014 aus. Zu diesem Zeitpunkt habe die „alte Friedensbewegung“ das erste Mal bemerkt, dass neue Bewegungen sich formierten. „Aus Stimmungen wurden Strukturen, und es entstand auch eine extrem rechte Gegenöffentlichkeit“, beschrieb Leistner. […] Spätestens 2022 mit dem zweiten Einmarsch Russlands in die Ukraine habe es dann in der Gesellschaft verschärftes öffentliches Misstrauen gegenüber der Friedensbewegung gegeben. So gebe es vor allem in Sachen Ukraine-Krieg eine „Krise des politischen Kompasses“.
Oberhessische Presse, 8.6.2026: Vortrag zu Friedensbewegungen: „Werkstätten für Weltreparatur“ werden dringend gebraucht
Alexander Leistner (Uni Lüneburg)
„Wer ein Hakenkreuz irgendwo hinmalt, hat ganz sicher in vollem Bewusstsein kein Peace-Zeichen dort hingemalt“, so Kriminologe Dr. Nils Schuhmacher. „Wer eine rechte Parole irgendwo hinschreibt, fordert eben nicht ‚Gleichheit für alle‘ und wer rechtsextremes Werbematerial verteilt, hat es sich ganz bewusst besorgt.“ Für Schuhmacher sind Hakenkreuz-Schmierereien kein Zufall, sondern ein bewusster Gebrauch rechtsextremer Zeichen.
Ostholsteiner Anzeiger, 7.6.2026: Mehr als nur Hakenkreuz-Schmierereien? Ein Blick auf rechte Straftaten in Ostholstein
Nils Schuhmacher (Uni Hamburg)
Die Zivilgesellschaft sei, so Matthias Quent, Soziologe aus Jena, „vielleicht die wichtigste Säule wehrhafter Demokratie“. Denn dort könne sich ein „demokratischer Emotions- und Selbstwirksamkeitsraum“ entfalten, den die schwarz-rote Regierung allerdings gerade zusammenkürzt. Quent […] hält das gerade für den Osten, wo es weniger stabile zivilgesellschaftliche Strukturen gibt, für fatal.
die tageszeitung, 25.5.2026: AfD und wehrhafte Demokratie
Matthias Quent (Ernst-Abbe-Hochschule Jena)