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Jenseits des „Arabischen“ Frühlings

Protestforschung zu Westasien und Nordafrika

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Zu den bisher erschienenen Beiträge, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind, geht es hier.

Der folgende Text von Myriam Ahmed erschien unter dem Titel „Protestforschung zu Westasien und Nordafrika. Temporale, thematische und geografische Erweiterungen” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 39, Heft 3.

1 Einleitung

Die jüngsten Demonstrationen gegen die Regierung im Iran, die auch in der Diaspora mitgetragen wurden, die Gen-Z-Proteste u. a. in Marokko, wo junge Menschen weltweit gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit protestieren, oder auch die palästinasolidarischen Proteste haben gezeigt, dass Proteste und soziale Bewegungen in und um die Region Westasiens und Nordafrika (WANA)1 empirisch über revolutionäre Situationen und auch über die geografisch gesetzten Grenzen hinausgehen.

Mit Blick auf die Region hat die Bewegungsforschung sich in den letzten zwei Jahrzehnten intensiv mit den als „Arabischer Frühling“ betitelten revolutionären Bewegungen von 2010/2011 befasst. Der Begriff wird auf mehreren Ebenen problematisiert, da er einerseits die ethnische Diversität der Region und der Protestierenden ignoriert und andererseits ein frühlinghaftes Erwachen impliziert und damit vorangehende Organisations- und Mobilisierungsprozesse verschleiert (Avery 2021). Im Zuge der Erforschung dieser revolutionären Bewegungen entstanden jedoch nicht nur ein tieferes und zeitlich erweitertes Verständnis der Massenproteste von 2011, sondern auch neue methodische und theoretische Ansätze zur Erforschung von Revolutionen, Protesten und sozialen Bewegungen in WANA. In einem früheren Beitrag dieses Forschungsjournals fasst Grimm (2022b) diese Entwicklung in drei Ansätze zusammen: relational, kritisch und diskurszentriert. Grimm zeigt dabei auf, wie diese Stränge die Erforschung sozialer Bewegungen auch über die Region hinaus strukturieren könnten. Auch andere Forschende argumentieren in ihren Bilanzen über Protestforschung zur Region dafür, über den regionalen Exzeptionalismus hinaus zu denken (Allam et al. 2022; Weipert-Fenner 2021).

Obwohl die Bewegungsforschung zur Region weiterhin besteht und es neben der umfangreichen Forschung zum sogenannten Arabischen Frühling auch Forschung zur zweiten Welle revolutionärer Aufstände fast zehn Jahre später im Sudan, Irak, Libanon und Algerien gibt, bleibt der Blick auf die Region oft regional, thematisch oder temporal begrenzt. Gleichzeitig lassen sich sowohl in der Forschung – wenn auch immer noch minimal, insbesondere in der anglophonen und deutschsprachigen Forschung – als auch in der empirischen Realität bereits Veränderungen betrachten.

Dieser Artikel knüpft an die Argumentationslinie gegen einen regionalen Exzeptionalismus an und zeigt auf, dass es einer Perspektivenkalibrierung der Bewegungsforschung zu WANA bedarf. Diese ist auf drei Ebenen zu beobachten: temporal, thematisch und geografisch. Die erste Perspektivenkalibrierung widmet sich den Revolutionen von 2011, als auch 2018/2019, und argumentiert für eine temporale Erweiterung der Analyse von Bewegungen, die eine Erfassung konterrevolutionärer Dynamiken ermöglichen. Die zweite Perspektivenkalibrierung ist thematischer Natur und richtet den Blick auf über „Revolutionen“ hinausgehende Formen sozialer Bewegungen. Die dritte und letzte widmet sich der Transnationalisierung von Protesten und damit der Erweiterung der bisher eingeschränkten geografischen Perspektive.

Der vorliegende Artikel präsentiert diese drei Kalibrierungen und will aufzuzeigen, dass es bereits Forschung zu allen drei Ebenen gibt, es gleichzeitig jedoch weitere Möglichkeiten gibt, diese Perspektiven zu erweitern. Abschließend erfolgt ein kurzes Fazit mit Implikationen und Überlegungen, wie sich die Protestforschung zur Region Westasiens und Nordafrika in Zukunft gestalten könnte.

2 Revolutionen und was davon bleibt

Die erste Perspektivkalibrierung, der sich dieser Artikel widmet, bezieht sich auf eine temporale Erweiterung der Erforschung des sogenannten Arabischen Frühlings. Im Nachgang der revolutionären Bewegungen, die 2010/2011 WANA erfassten und zu politischen Umbrüchen in Tunesien, Ägypten, Syrien, Libyen und Jemen führten, erfuhr die Forschung zur Region einen neuen Aufschwung. Die Revolutionen standen empirisch der Annahme entgegen, dass es keine Revolutionen mehr geben würde (Beck et al. 2022; Foran 1997) und wurden deswegen zentral für die Bewegungsforschung, insbesondere der regionalspezifischen Forschung. Dabei wurden nicht nur die neuen empirischen Fälle erforscht, sondern auch eine Vielzahl neuer theoretischer und methodischer Ansätze entwickelt (Allam u. a. 2022). Einige Studien setzten die Analyse von verschiedenen Akteuren in den Fokus, wie die Rolle der Arbeiterbewegungen in Ägypten, die innerhalb eines stark repressiven Kontexts bereits vor der Revolution in Fabriken mobilisierten und sich organisierten (Bishara 2018; Duboc 2013). Andere analysierten die Netzwerke der „leaderless“ Jugend, die die Revolution mittrugen (Latif 2022; Sika 2017) oder befassten sich mit den Genderdynamiken während und nach den Revolutionen (Bensouda 2022; Charrad/Stephan 2020; Khalid 2016; Khalil 2014; Moghadam 2018). Insbesondere die relationalen Dynamiken oppositioneller Akteure wurden dabei unter die Lupe genommen, (Weipert-Fenner 2021: 7). So zeigen verschiedene Arbeiten die Auseinandersetzungen von Sicherheitskräften mit Arbeiter*innen (Bishara 2015) oder mit Islamistischen Gruppen (Grimm/Harders 2018).

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Erforschung affektiver Dynamiken in Bezug auf Protestorganisation und Mobilisierung. Pearlmans Studie zeigt etwa auf, dass Emotionen in Kombination mit Spontaneität zentral waren, um im syrischen Kontext Repression zu navigieren (Pearlman 2013). Anhand des Tahrir-Platzes und der Gezi-Park-Proteste zeigen Ayata und Harders auf, dass Emotionen zentral für die Entwicklung von Netzwerken über ideologische Differenzen hinweg sind (Ayata/Harders 2018; Ayata/Harders 2019).

Die revolutionären Bewegungen von 2011 waren jedoch von autoritärem Backsliding begleitet. Mit der Ausnahme von Tunesien, wo mit der neuen Verfassung zumindest temporär demokratische Freiheiten und Rechte garantiert wurden, mündeten Libyen, Syrien und Jemen in Bürgerkriege und in Ägypten kehrte eine vom Militär gestützte Regierung zurück an die Macht. Diese Entwicklungen verlangten eine Auseinandersetzung der Forschung mit der Frage nach den Resultaten und Konsequenzen von Revolutionen. Damit einher ging auch die Frage nach der Definition von „Revolution“ und die Frage, wann eine Revolution als erfolgreich gilt (Beck et al. 2022; Goldstone/Ritter 2018; Lawson 2015).

Ein Ansatz, um die Entwicklungen dieser revolutionären Situationen zu verstehen, ist die temporale Erweiterung der Analyse des sogenannten Arabischen Frühlings, was teilweise aus dem Verständnis der Revolutionen als longue-durée-Prozesse erwuchs (Abaza 2014). Es entstanden u. a. Studien zu den biografischen Konsequenzen für und Werdegängen von Aktivist*innen der Revolutionen (Abdalla 2020; ElMasry 2025; ElMasry et al. 2025; Lara 2024) sowie in Bezug auf Protestierende in Gezi (Dönmez 2026). Weitere Studien befassten sich mit den afterlives von Revolutionären und darüber hinaus mit Demobilisierungsprozessen (Grimm 2025) und betrachteten die politische Rolle von Jugend vor, während und nach dem Umsturz des ägyptischen Regimes (Sika 2023).

In den Jahren 2018/2019 gab es erneut eine Reihe revolutionärer Bewegungen in der Region: Im Sudan, im Libanon, im Irak wie auch in Algerien forderten Massenproteste den Sturz der jeweiligen Regierungen (Ali 2024; Berridge et al. 2022; Dris-Aït Hamadouche 2020; Grewal 2021; Hassan/Kodouda 2019; Hassan/Madit 2022; Karam/Majed 2022; Medani 2022). Die Protestforschung zur Region erfuhr dadurch jedoch nicht den gleichen Aufschwung wie 2011 und Ansätze, die beide Wellen vergleichen, sind bisher kaum vorhanden. Dabei wäre es interessant, zu analysieren, inwiefern sich die Formen der Mobilisierung ähneln oder unterscheiden, aber auch zu verstehen, welche cross-national/cross-temporal-learnings durch transnationale Netzwerke und Zusammenarbeit entstanden sind.

Eine dritte und letzte zeitliche Erweiterung, der es in der Protest- und Bewegungsforschung bedarf, ist die Analyse von „post“-revolutionären Dynamiken. Ähnlich wie Ägypten agieren auch im Sudan Akteure, welche die revolutionären Transformationsprozesse ablehnten und nun im konterrevolutionären Krieg eine zentrale Rolle spielen. (Abbas et al. 2024; Khalafallah 2025). Syrien und Libyen erfuhren jahrelangen Krieg und der Libanon war mit wiederkehrenden unterschiedlichen Krisen konfrontiert (Geha 2021; Lacher 2020; Lacher/Collombier 2023; Leenders 2012; Mazur 2021). Auch hier eröffnen sich für die Protestforschung mehrere Möglichkeiten, sich mit Mobilisierung in der Region zu befassen: Einerseits die Aktivierung von existierenden Netzwerken und die Reorientierung von Ressourcen mit einem Fokus auf Mobilisierung und Proteste in Krisen, Kriegen und humanitären Notsituation. Andererseits die Beleuchtung von revolutionären und konterrevolutionären Dynamiken.

Zwar werden konterrevolutionäre Kräfte oft erst spät sichtbar, entstehen jedoch häufig parallel zu revolutionären Prozessen. Oft besteht eine Gleichzeitigkeit von revolutionären und konterrevolutionären Bewegungen. Deswegen gehört ein retrospektiver Blick auf die Revolutionen in WANA zur Erfassung der Konterrevolutionen dazu, wie dies bereits zu Ägypten erforscht wurde (Clarke 2025; Grimm 2022a; Said 2024; Wahba 2023). Damit kann sowohl ein tiefergehendes Verständnis für die diversen Kräfte, die in revolutionären Situationen Einfluss nehmen, entwickelt werden, als auch analysiert werden, welche Rolle diese für den (Miss-)Erfolg von Revolutionen spielen.

3 Bewegungs- und Mobilisierungsformen

Die zweite Perspektivenkalibrierung befasst sich damit, über die Revolutionen nicht nur temporal, sondern auch thematisch hinauszugehen. Die Erforschung von Bewegungen, die nicht zwingend einen revolutionären Charakter aufweisen, ist begrenzt. In führenden anglophonen Fachzeitschriften wie Contention, Mobilization oder Social Movement Studies wurden seit 2020 nur wenige Beiträge publiziert, die sich mit „nicht-revolutionären“ Bewegungen in WANA befassen. Angesichts dessen bedarf es einer Erweiterung der Betrachtung hin zu anderen Bewegungs- und Mobilisierungsformen, die nicht zwingend einen revolutionären Anspruch erheben. Dazu zählt auch die Erweiterung des Verständnisses von Protesten, Taktiken und Repertoires, die über die Dimensionen „konventioneller“ Mobilisierung hinausgehen (Fu/Berman 2022).

In ihrer Reflektion zur Bewegungsforschung in der WANA-Region, argumentiert Rabab El-Mahdi, dass es einer tieferen Auseinandersetzung mit den „multifaceted dimensions of contentious politics“ (El-Mahdi 2024: 6) bedarf. Einerseits ermögliche dies, die Revolutionen als eigenständige Fallstudien zu erfassen und nicht nur als empirische Beispiele, auf die existierende Theorien gestülpt werden können. Andererseits schaffe es Raum, andere Formen von Bewegungen, Protesten, Taktiken und Mobilisierungsprozessen zu erfassen und zu erforschen (El-Mahdi 2024). Die limitierte Forschung zu anderen Bewegungen bereits vor 2011 trug auch dazu bei, dass die Massenproteste als ein „Frühling“, also ein „Erwachen“ aus der Tatenlosigkeit wahrgenommen und zunächst auch als solche analysiert wurden.

Dennoch gab es Bestrebungen, auch nicht-revolutionäre Bewegungen zu erfassen, wie beispielsweise sogenannte Nicht-Bewegungen (Bayat 2013), Forschung zu Arbeiter*innenprotesten (Abdalla 2025; Beinin 2001; Beinin/Duboc 2013) und zu islamistischen Bewegungen (Schwedler 2007). Diese fanden jedoch bisher keinen Einzug in den Kanon der Bewegungsforschung (El-Mahdi 2024).

Insbesondere Arbeiter*innenbewegungen haben in der Region eine lange Tradition und sind auch nach 2011 aktiv. In ihrer Studie zu einer libanesischen Kampagne als Reaktion auf die Wirtschaftskrise zeigt Rønn (2025) die innovativen Strategien der Kampagnen auf und auch, welche Herausforderungen die Akteure an einer weitreichenderen Mobilisierung hinderten. Neben Repression waren Klientelismus und eine marginalisierte Position in der libanesischen Opposition hindernde Faktoren. Dies unterscheidet sich bis zu einem gewissen Grad von den Mobilisierungen in Sudan, Ägypten, Tunesien und Algerien, wobei auch in all diesen Fällen Mobilisierungsbarrieren, insbesondere Repression, zum Tragen kamen (Rønn 2025). Im Zuge der sich verstärkenden Repression in Ägypten ist die Anzahl von Protesten geringfügig, weshalb Mobilisierung im digitalen Raum eine zentralere Rolle einnahm. Ein Beispiel dafür sind Frauenbewegungen, die gegen sexuelle Gewalt mobilisieren.

Allam’s Forschung, die sich in die Bewegungsforschung mit Fokus auf affektive Dynamiken einreihen lässt, zeigt anhand verschiedener Onlineinitiativen auf, wie Emotionen in Kontexten, in denen Autoritarismus und patriarchale Strukturen stark zusammenhängen, als Mittel der Mobilisierung verwendet werden (Allam 2020; Allam 2023). Diese Regimes bieten oft nur wenig Fortschritt für Frauen und begrenzen mithin die Arbeit von feministischen Gruppen und Organisationen. Deswegen navigieren diese Gruppen oft nicht nur Repressionen und Einschränkungen, sich in physischen Räumen zu organisieren, sondern auch soziale Framings. Durch die emotionale Arbeit von individuellen Gruppen, die online agieren, wurden daher in einem ersten Schritt stigmatisierte Diskurse um sexuelle Gewalt herausgefordert und dadurch erst Raum geschaffen, sich über das Thema äußern zu können. Dies ermöglichte es der Bewegung, trotz limitierter politischer Opportunitäten und Ressourcen weitreichenden Zuspruch zu finden (Allam 2023: 203).

Akteure, die sich in WANA in den letzten Jahren noch stärker organisiert haben, sind Klima- und Umweltbewegungen. In Tunesien beispielsweise existieren eine Vielzahl von Akteuren, die klima- und umweltbedingte Themen als zentral begreifen und auch entlang neuer Konfliktlinien in Bezug auf soziale, politische und ökonomische Ungleichheiten mobilisieren (Djoundourian 2022; Madhi 2025; Pepicelli 2021). Damit verbunden sind auch Proteste, die sich in Reaktion auf Natur-, Umwelt- und sonstigen Katastrophen entstehen. Grimm, Ahmed und Şakar vergleichen hierfür Mobilisierungen in den Kontexten des Dammkollaps in der libyschen Stadt Derna, des Erdbebens in der Hatay Region in der Türkei und der Hafenexplosion in Beirut und identifizieren interne sowie externe Faktoren, die post-Desaster-Mobilisierung prägen (Grimm et al. 2024).

Eine weiteres bisher wenig erforschtes Feld sind queere Bewegungen. Die Theoretisierung von queeren Bewegungen wird oftmals dafür kritisiert, aus einer westlich-zentrierten Perspektive zu analysieren (Mikdashi/Puar 2016). Mit Blick auf die queere community in Sudan nehmen Tønnessen, al-Nagar und Norbakk diesbezüglich die Theoretisierung von „Visibilität“ als elementare Bedingung in die Kritik (Tønnessen et al. 2026). Sie kritisieren, dass Visibilität von Queerness oft als eine Grundforderung von queeren Bewegungen erfasst wird. Im Falle von queeren sudanesischen Bewegungen war zunächst jedoch nicht die Visibilität zentral, sondern die revolutionäre Bewegung. Das sudanesische Fallbeispiel wird als ein „Pre-Movement“ konzipiert und aufgezeigt, dass die queere Bewegung in Sudan sich in einem ersten Schritt in Richtung einer größeren sozialen und politischen Transformation auf die Förderung sozialer Akzeptanz sowie „activism from the closet“ fokussiert (Tønnessen et al. 2022). Dabei war die queere Bewegung während der Dezemberrevolution, die für viele eine Chance auf Freiheit und Recht war, sehr aktiv; jedoch weniger in Bezug auf die Visibilität ihrer eigenen Identität, als auf die allgemeinen Ziele der Revolution.

Neben der Perspektivenerweiterung auf die Formen von Bewegungen bedarf es auch einer Ausweitung der analytischen Perspektive auf Mobilisierungs- und Protestformen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Routineproteste (Allam et al. 2022). Diese erfüllen u. a. den Zweck, Repression zu umgehen, aber auch zu verhandeln und führen durch regelmässige Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften zu Veränderungen in relationalen Protestdynamiken und Taktiken (Allam et al. 2022; Moss 2016; Schwedler 2018).

Aufgrund des repressiven Charakters der meisten Staaten in dieser Region bedarf es zudem alternativer Formen der Mobilisierung. Fu und Berman arbeiten diese mit Bezug auf empirische Fälle in WANA und Ostasien heraus und sprechen von sogenannter „unkoventioneller Mobilisierung“ (Fu/Berman 2022). Diese unterscheidet sich von konventionellen Formen, weil es sich um Aktivismus im kleineren Rahmen handeln kann, aber auch um Handlungen, die eher von kurzer Dauer sind. Als Beispiele dafür verweisen die Autor*innen auf die Arbeit von Ketchley zu den „butterfly sit-ins“, in denen Aktivist*innen öffentliche Plätze für wenige Minuten besetzen und danach in alle Richtungen verschwinden, um den Sicherheitskräften zu entkommen (Ketchley 2017).

Zudem setzen Akteure in diesen Kontexten öfter auch auf alternative Organisationsstrukturen wie Parteien (Majed 2021) oder Fussballfanclubs, um Widerstand zu mobilisieren. Die Mobilisierung findet zudem häufig im Verborgenen statt und/oder an unerwarteten Orten (Fu/Berman 2022: 2). Ein Beispiel hierfür sind digitale Räume, die teils mehr Vernetzung und besseres Navigieren von Repression erlauben als die Versammlung in physischen Räumen, welche in den mehrheitliche repressiven Kontexten der Region oft kriminalisiert ist. Digitale Räume sind dabei nicht nur Mittel zur Organisation, sondern auch Räume, in denen subversive Handlungen ausgeübt werden können. Diese können die Form von Humor, Sarkasmus oder Witz (Pearlman 2016; Sonay 2023; Wedeen 2019) annehmen, wie auch die Form von Parodieliedern, Karikaturen oder auch das Verbreiten von Gerüchten – in Kontexten, in denen dies explizit verboten war, wie beispielweise im Irak (Blaydes 2018 nach Fu/Berman 2022).

Im analogen Raum besteht bei der Protestforschung zu WANA eine klare Tendenz, den urbanen Raum zu betrachten, wie beispielsweise die Proteste in Jordanien und deren Veränderung durch die neoliberalen Bauprojekte in Amman (Schwedler 2012; Schwedler 2022). Der Tahrir-Platz als zentraler Schauplatz der Revolution in Ägypten bildet ebenfalls ein Fokus räumlicher Forschung und den räumlichen Elementen von Widerstand (Fawzy 2021; Gunning/Zvi Baron 2014; Said 2015; Said 2024; Wahba 2023). Dabei kann auch der Anspruch auf urbanen Raum eine zentrale Rolle in Protesten spielen – oft als Repräsentation der Forderung auf ein Recht auf Staat (Alkhudary 2024 für Irak).

Obwohl weniger stark erforscht, ist auch der Vergleich von Mobilisierung in ländlichen und urbanen Regionen interessant: Plaschke und Jebnon zeigen anhand ethnographischer Feldforschung in Tunesien, dass Rassifizierung von Aktivist*innen in peripheren Nachbarschaften in Städten und auf dem Land zu einer ausgeprägteren Form von Polizeigewalt führt, als dies in zentraleren und wohlhabenderen Nachbarschaften der Fall ist (Plaschke/Jebnoun 2025).

4 Transnationalisierung

Über die Grenzen dessen, was als WANA/MENA-Region verstanden wird, hinauszugehen, wäre für die Forschung fruchtbarer – ein vielfach verwendetes Argument, das die Autorin dieses Beitrags auch hier unterstreichen möchte. Insbesondere, da in den letzten Jahren zahlreiche global vernetzte Bewegungen und Proteste empirisch zu beobachten waren. Eine Vernetzung kann dabei verschiedene Formen annehmen: Sie kann in Bezug auf die Verknüpfungen zwischen Bewegungen entstehen, durch einen globalen Anspruch von Bewegungen und/oder durch die explizite Verknüpfung von Protesten an Geschehnisse, die geografisch anderswo stattfinden – beispielsweise im Fall der palästinasolidarischen Proteste.

Ein Beispiel für eine Bewegung, die einen transnationalen Anspruch erhebt, sind Teile der kurdischen Bewegung, die in ihrer Heterogenität über nationale und regionale Grenzen hinweg organisiert ist. Der Anspruch der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) auf einen demokratischen Konföderalismus sieht eine lokale, nicht-staatliche Selbstverwaltung vor. In Rojava ist diese bereits als solche organisiert und fordert die sonst prädominante Vorstellung einer nationalen Einheit heraus (Burç 2020: 322). Einheit entsteht dabei durch eine starke Vernetzung lokaler Selbstverwaltungen und setzt den Fokus auf Gesellschaft (Burç 2020: 322). Ähnlich im transnationalen Charakter, jedoch mit dem Ziel einer nationalen Befreiung, ist die palästinensische Befreiungsbewegung charakterisiert. Diese betrachten El Kurd, Abrahams und Almasri in ihrer Studie zur Rolle von „moral shocks“, also von Ereignissen, die als verwerflich oder ungerecht wahrgenommen werden, und die zentral für die (De)mobilisierung von Bewegungen sind (Kurd et al. 2025). Die transnationalen Vernetzungs- und die Veränderungen von Organisationsstrukturen analysieren sie anhand von Accounts auf Sozialen Medien wie X und Instagram. Sie zeigen dabei auf, dass auf Momente von digitalen „moral shocks“ ein Verhalten von gegenseitigem Überbieten folgt, wodurch radikale Randgruppen online mehr Raum einnehmen. Dieses Verhalten wird jedoch offline nicht widergespiegelt und es wird keine Demobilisierung festgestellt. Was jedoch im Online Raum passiert, ist eine Isolierung von Akteursgruppen (Kurd et al. 2025).

Ein weiterer empirischer Fall der Transnationalisierung von Protesten sind die Solidaritätsproteste bezüglich Palästina wie auch Israel, die seit dem 7. Oktober 2023 weltweit stattfinden. In mehreren Studien zu den pro-palästinensischen Protesten in Deutschland zeigen Grimm, Mauthofer und Sixta, dass diese Proteste als mehrschichtige Arenen fungieren, die Aktivist*innen navigieren müssen. Proteste sind hier nicht nur Druckmittel auf politische Entscheidungsträger, sondern dienen auch als Anklageräume, in denen Rechenschaft und Zugehörigkeit vis-a-vis von Ausgrenzung und repressiver staatlicher Gewalt gefordert werden (Grimm et al. 2026; Grimm 2026).

Weitere Studien mit Bezug auf Deutschland befassen sich auch spezifisch mit der Mobilisierung von Studierenden und dem Medienframing (Vossen/Grimm 2026). In den USA zählen die jetzigen pro-palästinensischen Proteste zu den am längsten andauernden, die als Reaktion auf ein Ereignis ausserhalb der USA organisiert werden (Chenoweth et al. 2026: 236). Weitere Beispiele transnationaler Solidaritätsbekundungen sind die internationalen Proteste als Reaktion auf die Ermordung von Mahsa Amini im Oktober 2022 und die darauf folgenden regimekritischen Proteste in Iran (Elmore 2024; Sydiq 2024) In kleinerem Ausmass sind auch Solidaritätsproteste im Zuge des Krieges zwischen den USA/Israel und Iran zu beobachten.

Proteste anderswo können Bewegungen auch inspirieren, wie etwa bei Aktivist*innen in Brasilien 2013, die sich mit dem tragischen Erlebnis einer fremden Gruppe von Protestierenden in der Türkei identifizierten, die ursprünglich gegen die Gentrifizierung des Gezi-Parkes protestiert hatten und deren Protest gewaltvoll beendet wurde. Die Aktivist*innen sahen sich in der Folge inspiriert, ebenfalls gegen die Erhöhung der Fahrpreise des öffentlichen Verkehrs zu protestieren. Auch diese Proteste wandelten sich schnell zu landesweiten regierungskritischen Protesten (Eren 2025).

In allen zuvor gelisteten Fällen transnationaler Bewegungen spielen die jeweiligen Diasporen eine zentrale Rolle. Diese mobilisieren jedoch nicht nur in den jeweiligen Einwanderungsländern, sondern sie mobilisieren auch aus der Diaspora heraus in ihrem Herkunftsland. Die sudanesische Diaspora spielte beispielsweise seit dem Beginn der Revolution im Dezember 2018 eine zentrale Rolle bei der Netzwerk- und der Ressourcenorganisation (Bassi et al. 2024; Malik 2022). Nugent und Siegel zeigen im Falle von Exilägypter*innen auf, wie diese die Koordination von inländischen Oppositionsgruppen aus dem Exil heraus über digitale Medien ermöglichen konnten (Nugent/Siegel 2026).

5 Fazit

Die Erweiterung der Bewegungsforschung zu WANA ist auf temporaler, thematischer und geografischer Ebene möglich. Diese findet bereits sowohl in der empirischen Realität wie auch – in geringerem Ausmass – in der Forschung statt. Dennoch bedarf es noch mehr Raum dafür, diese Perspektiven ins Zentrum der Bewegungsforschung zu WANA zu stellen und zu hinterfragen, wieso die Region weiterhin vor allem als Beispiel eines Exzeptionalismus und als Trägerin von revolutionären Bewegungen gesehen wird.

Letzteres hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Region mehrheitlich von stark repressiven und autoritären Regimes dominiert wird. Dies führt einerseits dazu, dass die Möglichkeit, sich zu organisieren, zu mobilisieren und zu protestieren durch die Kriminalisierung kollektiver Handlungen beschränkt bleibt. Dies hat zur Folge, dass soziale Bewegungen, auch wenn es sie gibt, von außen weniger sichtbar sind. Dementsprechend ergeben sich je nach Positionalität unterschiedliche Schwierigkeiten. Dazu gehört auch, dass Forschung in der Region teilweise mit Gefahren für alle an der Forschung beteiligten Personen verbunden ist, wodurch Forschungsvorhaben weiter eingeschränkt werden. Dennoch gibt es auch hier Möglichkeiten, diese Schwierigkeiten zu navigieren.

Eine Methode, die daher an Beliebtheit gewonnen hat, ist die Analyse von grossen Protesteventdaten, die es ermöglichen, quantitativ Textquellen zu Protesten zu analysieren (Clarke 2025; Ketchley 2017; Berman 2021; Majed 2021; Mazur 2021; Grimm 2022a; Grimm 2026; Hutter 2014). Um dem Exzeptionalismus entgegenzuwirken, kann ein komparatistischer Ansatz hilfreich sein, wie auch der Anspruch, Theoriebildung aus Fallbeispielen voranzubringen. Zentral ist hierbei das Hinterfragen der Grenzen dessen, was oft als MENA/WANA-Region bezeichnet wird. Schlussendlich sind es imaginäre Grenzen, die weder klar noch einstimmig definiert sind. In diesem Artikel – der sich ebenfalls in dieser regionalen Grenzziehung wiederfindet – hat die Autorin beispielsweise die Türkei, Sudan und den Iran miteinbezogen, wohingegen andere Autor*innen diese Staaten nicht zur Region zählen würden. In der empirischen Realität brechen diese Grenzen bereits auf: Das eingangs erwähnte Beispiel der Gen-Z-Bewegung fand u. a. auch in Nepal, Bangladesch, Sri Lanka und Kenya, statt. Verbunden sind die Gruppierungen dadurch, dass sie von der Jugend oder Generation Z getragen werden und ähnliche Forderungen stellen; gleichzeitig sind diese Forderungen jedoch auch stark lokalspezifisch.

Zwar schaffen die Betrachtung und der Vergleich empirischer Fälle auf regionaler Ebene teilweise Mehrwert, insbesondere, wenn – wie bei den revolutionären Bewegungen von 2011 und 2018/19 – Protestierende explizit auf andere Kontexte Bezug nehmen. Dennoch wäre es notwendig, über diese regionale Abgrenzung hinauszugehen, da hierdurch bestehende Theorien weitgehender geprüft, angepasst oder auch neue Theorien entwickelt werden können.

Schlussendlich sind viele der leitenden Theorien und Konzepte der Protestbewegung aus der Erforschung „westlicher“ sozialer Bewegungen entstanden oder von Forschenden entwickelt worden, die an „westlichen“ Institutionen forschen. Daher ist der Ausbruch aus diesen regionalen Grenzen auch ein Anspruch darauf, euro- und westzentrierte Wissensproduktion zu hinterfragen. Die präsentierten Perspektivenkalibrierung sollen dazu dienen, ein räumlich begrenztes Denken zu überwinden, wie es bereits sowohl in der empirischen Realität als auch in der Forschung geschieht.

Über die Autorin

Myriam Ahmed ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am INTERACT Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin

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Fußnote

  1. Die Verwendung von WANA (oder SWANA, Südwestasien und Nordafrika) anstatt „MENA“ (Middle East and North Africa), ist ein dekolonialer Versuch sich von eurozentristischer Sprache zu entfernen. Der Begriff WANA wird jedoch auch dafür kritisiert, einerseits die Region als in sich geschlossen zu erfassen und andererseits dafür, ein Produkt der Diaspora zu sein und dadurch auch zu einem gewissen Teil „extern“ auferlegt zu sein. ↩︎

Foto: Gen Z 212-Protest in Rabat, Oktober 2025 (cc by sa, Mounir Neddi)

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