Proteste sind die zentrale Form politischer Partizipation jenseits von Wahlen. In ihnen werden gesellschaftliche Konflikte sichtbar und dahinterliegende politische Einstellungen, die sie prägen. Wer sind die Menschen, die sich in Protesten engagieren, und was treibt sie auf die Straße? Während allgemeine Bevölkerungsumfragen Protestbeteiligung nur oberflächlich erfassen, liefern ereignisbezogene Demonstrationsbefragungen weitergehende Informationen über Motive, Einstellungen und soziodemografische Merkmale der Teilnehmenden. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat jetzt eine bislang nicht öffentlich zugängliche Sammlung von 31 Protestbefragungen aus Deutschland und Polen systematisch aufbereitet und harmonisiert, um sie über GESIS anderen Forschenden und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sebastian Haunss, Piotr Kocyba, Pascal Siegers, Marvin Stein und Simon Teune berichten aus dem Projekt.
Protests are a pivotal form of political participation. They render social conflicts visible and they provide inside into the political attitudes that shape these conflicts. Who are the people, who engage in protests, and what drives them to take to the streets? While general population surveys allow for a superficial picture of protest participation only, event-related protest surveys provide more detailed information about the motives, attitudes, and sociodemographic characteristics of participants. The Institute for the Study of Protest and Social Movements has now systematically processed and harmonized a collection of 31 protest surveys from Germany and Poland. Through GESIS they are now made available to other researchers and the general public. Sebastian Haunss, Piotr Kocyba, Pascal Siegers, Marvin Stein, and Simon Teune report on the project.
Proteste sind Momente, in denen politische Konflikte greifbar werden – z.B. für oder gegen eine ambitionierte Klimapolitik, für oder gegen die Begrenzung von Einwanderung. Aber wer sind die Menschen, die bei Protesten auf die Straße gehen? Was sind ihre Motive und welche Unterschiede lassen sich zwischen unterschiedlichen Gruppen von Protestierenden ausmachen? Diese Frage können allgemeine Bevölkerungsbefragungen nur ungenau beantworten. Alle über längere Zeit laufenden Befragungen, der Allbus, der European Social Survey (ESS), die GLES oder auch der Deutsche Freiwilligensurvey (FWS), beinhalten Fragen zur Messung unterschiedlicher Formen politischer Partizipation. Wir wissen daher, dass in Deutschland je nach Fragestellung zwischen 10 Prozent (im letzten Jahr) und 20 Prozent der Bevölkerung (ohne zeitliche Begrenzung) an einer Demonstration teilgenommen haben. Wir können sagen, was diese politisch Aktiven von anderen Befragten unterscheidet (z.B. Weßels 2024, Wüst 2025). Aber wir können auf dieser Grundlage nichts darüber aussagen, an welchen Protesten die Menschen teilgenommen haben, warum sie das taten und wie sich die Motivlagen und Einstellungen von Demonstrierenden zwischen verschiedenen Protestanlässen unterscheiden (s. aber Borbáth 2024).
Diese Wissenslücke kann die Methode der Demonstrationsbefragung füllen. Die Menschen werden in dem Moment und an dem Ort befragt, in dem sie sich politisch engagieren – bei der Demonstration selbst (zur Methode z.B. Della Porta & Andretta 2014, van Stekelenburg et al. 2012). Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) ist ein selbstorganisierter Zusammenschluss von mehr als 200 Sozialwissenschaftler*innen, aus deren Kreis diese Methode seit 2003 immer wieder angewandt und verbessert wurde. Jetzt machen die ipb-Protestforscher*innen einen großen Teil der so erhobenen Daten über GESIS für Forschung und Lehre verfügbar (Haunss et al. 2025). Damit steht der Forschung die umfangreichste Sammlung standardisierter Protestbefragungsdaten im deutschsprachigen Raum offen. Gleichzeitig werden die Daten aus 19 Demonstrationsbefragungen in Polen im Zeitraum von 2018 bis 2021 veröffentlicht, die Piotr Kocyba im Rahmen des durch das BMBF geförderten Projektes „Zivilgesellschaftlicher Aufruhr in Polen: eine vergleichende Analyse aktuellen Protests“1 erhoben hat. So werden insgesamt Daten aus mehr als 30 Demonstrationsbefragungen zugänglich gemacht und damit eine inhaltliche Lücke im Datenbestand geschlossen.
Die Datensätze sind gesammelt auf der Seite der GESIS abrufbar.
Die veröffentlichten Daten bilden einen Zeitraum von 20 Jahren ab. Sie reichen von den Protesten gegen den Irakkrieg 2003 bis zu den Klimastreiks 2023. Inhaltlich umfassen sie neben Frieden und Klima Themen wie Globalisierungskritik, Sozialpolitik und Infrastrukturvorhaben. Die Befragungen in Polen fanden auch bei Demonstrationen gegen Einschränkungen demokratischer Grundrechte durch die ehemalige Regierung statt. Die bei den Demonstrationen ausgegebenen Fragebögen decken im Kern Fragen zu politischen Einstellungen und zur Demographie ab, sie adressieren aber auch Mobilisierungswege (auf welchen Wegen erfahren die Befragten von der Demonstration? Mit wem sind sie da?) und politische Aktivitäten. Darüber hinaus enthält jeder Datensatz eine offen gestellte Frage zu Motivation für die Beteiligung an der Demonstration und weitere, anlassbezogene Fragen.
Die Methode der Demonstrationsbefragung ist an ein unberechenbares Protestgeschehen gebunden. Ob eine Demonstration viele Menschen mobilisiert und ob sie in der öffentlichen Debatte Momentum entwickelt, ist nicht verlässlich vorhersehbar. Zuweilen verhindert schon das Wetter eine breite Teilnahme. Unter diesen unsicheren Bedingungen geht ein großer Teil der Befragungen auf spontan entstandene Forschungsteams zurück, die mit wenig Ressourcen und einem großen Anteil unbezahlter Arbeit in wenigen Wochen oder sogar Tagen die Befragung einer Demonstration vorbereiteten. Die Aufbereitung und Veröffentlichung der Daten über einen ersten Bericht hinaus, scheiterte in der Regel an knappen Ressourcen; die Dokumentation blieb lückenhaft. Darüber hinaus wurde der zugrundeliegende Fragebogen von den verschiedenen Forschungsteams immer wieder verändert.
Deshalb musste dieser Datenschatz vor der Veröffentlichung vereinheitlicht und die Dokumentation der Daten rekonstruiert werden. Neben den originalsprachlichen Fragebögen (in deutscher oder polnischer Sprache) wurden englischsprachige Datensätze und Methodenberichte angefertigt, um auch die internationale Community anzusprechen. Möglich wurde diese Arbeit durch eine Projektförderung von KonsortSWD, dem sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Konsortium in der nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Für die Veröffentlichung wurden die Fragen in Zusammenarbeit mit dem Forschungsdatenzentrum der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften (FDZ ALLBUS) so weit wie möglich über alle Befragungen hinweg vereinheitlicht und alle Daten, die potenziell eine Identifizierung der Befragten ermöglicht hätten, wurden entfernt oder vergröbert. Die Methodenberichte zu den einzelnen Befragungen geben Aufschluss über die Umstände, unter denen die Daten gesammelt wurden und enthalten auch Angaben zu den Demonstrationen auf denen die Befragung durchgeführt wurde.
Über die letzten fünf Jahre hinweg wurde ein Musterfragebogen für den Einsatz bei Demonstrationsbefragungen entwickelt, der von Forschenden des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung genutzt wird. Er enthält eine Reihe von Standardinstrumenten, insbesondere die Fragen zur Motivation und Mobilisierung zur Teilnahme und ein Demographiemodul. Auf der Grundlage der Projektarbeit zur Veröffentlichung der Demonstrationsbefragungen sind jetzt auch die einheitlich vergebenen Variablen- und Labelnamen in einem Musterfragebogen verfügbar. So können auch zukünftige Befragungsdaten für die Nachnutzung vorbereitet werden.
Die jetzt veröffentlichten Daten erlauben es, eine Momentaufnahme von politischen Konflikten zu zeichnen. In den Befragungen kommen diejenigen zu Wort, die mit diesen Ereignissen die öffentlichen Debatten prägen. Auf Grundlage dieser Daten lassen sich Fragen beantworten, die einzelne Proteste beleuchten, aber auch die verschiedenen Konflikte oder Protestwellen im Vergleich. Wie unterscheidet sich das Institutionenvertrauen und die Selbstwirksamkeitserfahrung zwischen Fridays for Future und Pegida (Daphi et al. 2023)? Wie verändern sich die Einstellungen bei den Klimastreiks über Zeit (Sommer et al. 2020)? Unterscheiden sich die Einstellungen von Protestierenden bei zwei Demonstrationen, die zum gleichen Anlass von unterschiedlichen Bündnissen organisiert werden (Sommer & Haunss 2023)? Lassen die Anlässe der Demonstration Rückschlüsse über die dort Versammelten zu (Dollbaum et al. 2025)?
Die Befragungsdaten können aber auch genutzt werden, um die Positionen von Engagierten in konkreten Konflikten zu verstehen. Sie geben Aufschluss über das Verhältnis von Parteipolitik und Protestpolitik oder die Selbstwahrnehmung der politischen Linken und Rechten in Deutschland.
Fußnote
- Förderkennzeichen FKZ 01UL1816X ↩︎
Literatur
Borbáth, E. (2024). Differentiation in Protest Politics: Participation by Political Insiders and Outsiders. Political Behavior, 46(2), 727–750. https://doi.org/10.1007/s11109-022-09846-7
Daphi, P., Haunss, S., Sommer, M., & Teune, S. (2023). Taking to the Streets in Germany – Disenchanted and Confident Critics in Mass Demonstrations. German Politics, 32(3), 440–468. https://doi.org/10.1080/09644008.2021.1998459
Della Porta, D., & Andretta, M. (2014). Surveying Protestors. Why and How. In D. della Porta (Hg.), Methodological Practices in Social Movement Research (S. 308–334). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198719571.001.0001
Dollbaum, J. M., Meier, L. D., Daphi, P., & Haunss, S. (2025). Protest types and protester profiles: Testing meso−micro-associations between event characteristics and participant attitudes. Acta Politica, 60(3), 621–647. https://doi.org/10.1057/s41269-024-00345-7
Haunss, S., Kocyba, P., Siegers, P., Teune, S., Stein, M., & Baumann, H. (2025). 20 Jahre Protestbefragungsdaten. Abschlussbericht. KonsortSWD. https://doi.org/10.5281/zenodo.17777997
Sommer, M., & Haunss, S. (2023). Grenzen von Protest: Auswertungen von G20-Demonstrationsbefragungen. In S. Malthaner & S. Teune (Hg.), Eskalation. G20 in Hamburg, Protest und Gewalt (S. 121–135). Hamburger Edition. https://doi.org/10.38070/9783868549997
Sommer, M., Haunss, S., Gardner, B. G., Neuber, M., & Rucht, D. (2020). Wer demonstriert da? Ergebnisse von Befragungen bei Großprotesten von Fridays for Future in Deutschland im März und November 2019. In S. Haunss & M. Sommer (Hg.), Fridays for Future—Die Jugend gegen den Klimawandel Konturen der weltweiten Protestbewegung. (S. 15–66). Transcript. https://doi.org/10.14361/9783839453476
van Stekelenburg, J., Walgrave, S., Klandermans, B., & Verhulst, J. (2012). Contextualizing Contestation: Framework, Design, and Data. Mobilization: An International Quarterly, 17(3), 249–262. https://doi.org/10.17813/maiq.17.3.a4418x2q772153x2
Weßels, B. (2024). Politische und gesellschaftliche Partizipation. In Sozialbericht 2024: Ein Datenreport für Deutschland (S. 345–352). Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Sozialbericht_2024_bf_k2.pdf
Wüst, A. M. (2025). Nähe oder Distanz? Eine Analyse der politischen Partizipation von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland. Zeitschrift für Politikwissenschaft, 35(2), 407–437. https://doi.org/10.1007/s41358-025-00408-x
Abbildung: Sektorenaufteilung zur Befragung der Fridays for Future Demonstration am 15.3.2019 in Berlin.



